Wie lange kann Freiheit fliegen, bevor man ihr die Flügel stutzt?

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Abbas Khider wählt keinen reißerischen Ton, keine grelle Dramatik. Er vertraut auf die Kraft der Reduktion. Auf das Kindliche. Auf das Beobachten. Auf das, was zwischen den Sätzen liegt.

Noah ist vierzehn, Taubenzüchter, Sohn, Bruder – und plötzlich Zeitzeuge. Die Welt, die er kennt, kippt nicht mit einem großen Knall, sondern mit immer neuen kleinen Verboten. Khiders Stil ist dabei von beeindruckender Klarheit: kurze Kapitel, fast wie Notizen oder Momentaufnahmen, die sich anfühlen wie Tagebuchfragmente eines Sommers, der keiner mehr ist. Die Sprache bleibt ruhig, beinahe nüchtern, und genau darin entfaltet sich ihre Wucht. Denn was hier erzählt wird, schreit nicht – es sickert.

Besonders stark ist die Perspektive: Alles wird durch Noahs Blick gefiltert, durch ein Bewusstsein, das noch nicht gelernt hat, Gewalt zu normalisieren, das aber gezwungen wird, genau das zu tun. Der Autor verzichtet auf erklärende Kommentare, auf moralische Zeigefinger. Stattdessen lässt er Bilder sprechen: geschwärzte Frauenkörper auf Verpackungen, verstummende Straßen, Helikopter am Himmel. Und immer wieder die Tauben. Sie sind weit mehr als ein Hobby. Sie sind Sprache, Zuflucht, Widerstand. Metapher für Freiheit, für Sehnsucht, für das, was nicht eingesperrt werden sollte – und es doch wird.

Khiders große Stärke liegt in dieser Zartheit, mit der er Grausamkeit erzählt. Zwischen Angst und Anpassung blitzen Momente von Humor auf, fast scheu, als wollten sie sich entschuldigen, überhaupt noch da zu sein. Gerade diese kleinen Lichtpunkte machen den Roman so menschlich – und so schmerzhaft. Man spürt auf jeder Seite: Hier schreibt jemand, der weiß, wovon er erzählt. Nicht aus Distanz, sondern aus Erfahrung.

Mit seinen gut zweihundert Seiten ist dieses Buch schmal, aber von enormer Dichte. Kein Wort wirkt zufällig, jede Szene trägt Bedeutung. Der Verlust der Kindheit, das langsame Ersticken von Freiheit, die Unmöglichkeit, unschuldig zu bleiben – all das entfaltet sich mit einer Eindringlichkeit, die lange nachhallt. Und am Ende bleibt dieses Gefühl: dass man verstanden hat, ohne alles erklärt bekommen zu haben.

Der letzte Sommer der Tauben ist ein stiller, bedrückender, notwendiger Roman. Einer, den man nicht einfach zuklappt und beiseitelegt. Sondern einer, der bleibt. Wie der Gedanke daran, wie zerbrechlich Freiheit ist – und wie schnell man verlernen kann, wie sich Fliegen anfühlt.