Zwischen literarischem Himmel und menschlicher Hölle

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lulamae Avatar

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Ein Teenager namens Noah empfängt mich als Leserin auf dem Dach seines Elternhauses, wo er seine geliebten Tauben hält – und ohne Umschweife geht es direkt hinein in sein Leben sowie das seiner Familie, seiner Freunde und Nachbarn. Trotz des bedrohlichen Szenarios in Form von Hubschraubern, die schon in der ersten Szene seine Tauben erschrecken, folge ich Noah gerne und gespannt in seine Geschichte. Die Gewissheit, es wird nicht leicht werden, nehme ich aufgrund der packenden Sprache sofort in Kauf. Es hat sich gelohnt!

Abbas Khider wählte mit seinem jungen Protagonisten einen Ich-Erzähler, der mir einerseits selbst schnell ans Herz gewachsen ist und mir andererseits den Schrecken der Machtübernahme der Mudschahedin dermaßen bildhaft beibringen kann. Im Bekleidungsgeschäft seines Vaters hilft er diesem, Bilder von Frauen zu übermalen, sodass man nur noch ihre Augen sehen kann – nackte Haut ist gefährlich. Sein Onkel Ali muss sein Café schließen. Der Freund seiner schwangeren Schwester ist im Gefängnis. Einer seiner besten Freunde ist mitsamt seiner jesidischen Familie verschwunden. Er erfährt in diesen Tagen, warum sie nicht über seinen älteren Bruder sprechen dürfen. Schließlich begibt sich der junge Noah selbst in Gefahr, um gegen das Kalifat aufzubegehren.

Die poetischen Titel der kurzen Kapitel stehen ebenso im Kontrast zu deren heftigen Inhalten, wie das moderne Leben der Familie in den (fast) geschützten Räumen ihres Hauses zu dem öffentlichen, gefährlichen draußen in den Straßen. Drinnen erfahre ich von der wunderbaren arabischen Kultur, dem Humor, der Wärme und der Lust am Fabulieren, draußen herrscht zerstörerische Gewalt. Es ist nur eine von vielen Szenen, welche den Irrsinn beschreibt: >>Mit Karimas fröhlichem Wesen strömt sofort große Lebendigkeit in den Hof. Sie umarmt Suad herzlich. Karima streift ihren Niqab ab und lässt ihn auf ihren Arm fallen. „Verdammt, ich fühle mich in dem Ding wie ein Mehlsack“, sagt sie (…) Karimas kurze schwarze Haare, durchzogen von frechen blonden Strähnen, wirken rebellisch.<< Auch Onkel Ali ist ein Freidenker, der Noah als Freund behandelt, ihn ernst nimmt und in die sonst unausgesprochenen Wahrheiten einweiht. Wenn Noah, seine Schwester und seine Mama zusammen sitzen, die Mama von den Gerüchten erzählt und sie lachen, haben sie das Gefühl, es ist – zumindest ein bisschen – wie früher: Das ist das Schönste für sie (sowie für mich als Leserin).

„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein großartiger Roman, der nicht nur literarisch gesehen lesenswert, sondern gerade in der jetzigen Zeit auch inhaltlich so wichtig ist. Abbas Khiders Sprache ist reich an ausdrucksvollen Bildern und herrlichen Vergleichen, dabei unaufgeregt, selbst wenn er das Schlimmstmögliche beschreibt.