Ein leises Geflecht aus Schuld, Schweigen und verpassten Momenten

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
annnnnnna Avatar

Von

Drei Menschen, die einst unzertrennlich waren, und ein Sommer, der alles verändert hat. Ein Auftakt voller Spannung und leiser Dramatik, der neugierig macht.

Martin ist der Einzige, der in der Kleinstadt geblieben ist. Er lebt noch im Elternhaus, sein Alltag ist durchstrukturiert, fast kontrolliert, er wirkt souverän. Allerdings reicht ein Flyer, um ihn völlig aus dem Konzept zu bringen.

Britta kehrt zurück, um sich um ihren dementen Vater zu kümmern und bringt dabei ein ungeklärtes Leben mit. Eine komplizierte Beziehung, eine Schwangerschaft und alte Gefühle, die nie ganz verschwunden sind.

Auch Pia kommt zurück. Schwer krank, mit dem Wunsch, endlich Ordnung in die Vergangenheit zu bringen und eine Schuld zu klären, die alle drei miteinander verbindet.

Das Wiedersehen holt nicht nur Erinnerungen zurück, sondern auch die Wahrheit über einen verhängnisvollen Sommer Ende der 90er Jahren und ein Geheimnis, das lange unausgesprochen blieb.

Die Rückblicke in die 90er fühlen sich stellenweise wie ein kleiner Throwback in die eigene Jugend an. Walkman, Bravo, Nogger Eis viele Details, die ein warmes Zeitgefühl voller Nostalgie erzeugen.

Auch der Schreibstil von Greta Herrlicher hat mir grundsätzlich gefallen. Die wechselnden Perspektiven sorgen für Dynamik und halten die Handlung in Bewegung. Die Stimmen der Figuren sind klar und differenziert, die Szenen lebendig erzählt.

Was jedoch auf Distanz hält, ist die emotionale Tiefe. Die Figuren bleiben schwer greifbar, ihre Konflikte oft eher erzählt als wirklich spürbar. Gerade bei einem so vielversprechenden Ausgangspunkt hätten mehr leise Zwischentöne, mehr Nähe und Raum für echte Begegnungen der Geschichte gutgetan. Vieles entwickelt sich erst spät oder bleibt auf der Oberfläche, sodass die volle emotionale Kraft der Story nicht spürbar wird.

Auch die eingestreuten Lebensweisheiten zu Beginn der Kapitel konnten mich nicht überzeugen. Sie wirkten auf mich wie austauschbare Kalendersprüche und haben mich eher aus der Geschichte herausgeholt als sie zu vertiefen. Hier ein Auszug: „Ehrlichkeit ist das Fundament, auf dem echtes Glück gedeiht.“ (Zitat S. 143). „Der kürzeste Weg ist der von Herz zu Herz.“ (Zitat S. 146) , „Bei starker Strömung hilft nur in Anker (Zitat S. 153). „Das Leben ist ein Bumerang“ (Zitat S. 225). Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Diese Sprüche wirken leider oft aufgesetzt und schwächen die ansonsten feine Intensität der Geschichte.

Überraschend ist zudem die Einbindung der Corona Zeit. Sie ist präsent, teilweise sehr präsent. Ein Thema, das der Geschichte zusätzliche Schwere gibt, gleichzeitig aber etwas von ihrer Zeitlosigkeit nimmt und manchmal aus dem Fluss reißt.

Was allerdings wirklich heraussticht, ist die Gestaltung dieses Buches. Cover, Farbschnitt, Lesebändchen und liebevolle Details machen es zu einem echten Schmuckstück. Selten habe ich ein so schön gestaltetes Buch in der Hand gehalten, optisch ein absolutes Highlight, das schon beim Aufschlagen Freude bereitet.

Am Ende bleibt eine Geschichte über Schuld, verpasste Chancen und die Frage, ob es jemals zu spät ist, Dinge auszusprechen.

Für mich ein Buch mit starker Idee und wunderschöner Aufmachung, das mich inhaltlich jedoch nicht ganz erreichen konnte. Schade, denn das Potenzial war deutlich spürbar.