Leider eher leblos und langatmig

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viv29 Avatar

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Das Buch beginnt recht unterhaltsam mit Kapiteln aus der wechselnden Sicht der drei Protagonisten in der Gegenwart (bzw. 2020) und einem Kapitel aus ihrer Jugend – das Gegenwart-Vergangenheits-Muster, das man aus vielen Romanen kennt. Was an sich nicht schlecht sein muß, wenn es gut erzählt wird. Der Anfang ließ mich hoffen, daß hier eine interessante Auflösung der im Klappentext erwähnten „Schatten der Vergangenheit“ zu erwarten sein würde. Der leicht lesbare Schreibstil setzte trotz einiger kleiner Schwächen in diesen ersten Kapiteln schon einige vielversprechende Andeutungen.

Dann aber geht es leider sehr geruhsam weiter. Die drei Protagonisten Martin, Britta und Pia sind blass und eindimensional, lediglich bei Pia deuten sich einige interessantere Züge an. Ein Grund für diese Farblosigkeit liegt darin, daß die Autorin nichts von „show, don’t tell“ hält, den Lesern also so gut wie keine Schlussfolgerungen erlaubt und uns das Geschehen selten erleben läßt, sondern uns alles detailliert vorkaut (gerne auch mehrfach). Die endlosen Erklärungen von Fakten, die man in mitreißende Szenen hätte verwandeln können, lassen das ohnehin langsame Erzähltempo an manchen Stellen fast gänzlich stagnieren und nehmen zusätzliches Leben aus der Geschichte, die allgemein ziemlich blutleer daherkommt. Mit vielen Worten wird letztlich erschreckend wenig ausgesagt – die Handlung könnte man in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wir begleiten in der ersten Buchhälfte insbesondere Martin und Britta bei wesentlich zu ausführlich geschilderten Alltagshandlungen und Grübeleien. Immer wieder werden ähnliche Andeutungen eingestreut, die ihre Wirkung zusehends verlieren, auch die Vergangenheitsszenen kriechen langsam dahin und verlieren sich in Nebensächlichkeiten. Ich habe mich ab etwa Seite 110 so gelangweilt, daß ich mich zum Weiterlesen zwingen mußte. Hinzu kommen die oft nicht nachvollziehbar übertriebenen Reaktionen der Charaktere und ihre teils konstruiert wirkenden Handlungen. Gerade in dieser ersten Hälfte, als die Autorin das Zusammentreffen der drei verzögern und so wahrscheinlich Spannung aufbauen möchte, kommt es zu vielen konstruierten Szenen.

Der Schreibstil ist wie gesagt leicht lesbar, ziemlich einfach, aber mit einigen gelungenen und schönen Formulierungen und leider auch mit etwas viel Denglisch. Die Vorliebe der Autorin für Metaphern nimmt stellenweise ziemlich überhand, ebenso wie ihre Angewohnheit, vieles mehrfach zu sagen und/oder drei Sätze zu schreiben, wo einer gereicht hätte (z.B. S. 37: „Das Haus ihrer Kindheit war einem modernen Klotz aus Beton gewichen. Sie fühlte sich ihrer Identität beraubt. Nichts deutete mehr auf ihre Vergangenheit hin. Alle Spuren schienen verwischt zu sein. (…) Sie fühlte sich ihrer Kindheit beraubt. (…) Nun schien der letzte Rest ihrer Basis ausradiert worden zu sein.“). Ebenso wie die Formulierungen wiederholen sich gerade in der ersten Hälfte auch die Szenen sehr, angefüllt mit unzähligen irrelevanten Informationen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mich beim Lesen ständig im Kreis zu drehen, und die Auflösung war mir zunehmend egal. Ein wenig Originalität kommt dadurch herein, daß die Geschichte im März 2020 spielt und die Corona-Maßnahmen eingebunden werden (was aber auch mit wesentlich weniger Erklärungen hätte geschehen können).

Ansonsten aber verlaufen alle Handlungsstränge extrem konventionell. Auch das große Geheimnis aus der Vergangenheit ist eine Geschichte, die man schon aus vielen Romanen und Filmen kennt – thematisch durchaus mit Potential, das aber erzählerisch nicht umgesetzt wurde. Insgesamt fühlte sich das Buch eher wie eine Vorabendserie an – konventionelle, eher seichte Unterhaltung mit einigen Prisen Kitsch. Der Klappentext hatte mich ein sehr anderes Buch erwarten lassen.
Ansprechend ist der Einband, und der feste Umschlag darunter ist wirklich prachtvoll gestaltet, auch das sorgfältige Lektorat erfreut.