Verbundene Schicksale

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caro_lesemaus Avatar

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Dienstagmorgen in einer mittelgroßen Stadt. Manu, eine junge Frau in Gärtnerkleidung, steht auf dem Dach eines Mietshauses. Sie brüllt, tobt, wirft Gegenstände hinunter, vor die Füße der zahlreichen Schaulustigen, der Presse, der Feuerwehr. Die Polizei geht von einem Suizidversuch aus.
Einen Tag und eine Nacht lang hält die Stadt den Atem an. Für Finn, den Fahrradkurier, der sich erst vor kurzem in Manu verliebt hat, bleibt die Zeit stehen. Genau wie für ihre Schwester Astrid, die mitten im Wahlkampf steckt. Den Polizisten Felix, der Manu vom Dach holen soll. Die Schneiderin Maren, die nicht mehr in ihre Wohnung zurückkann. Für sie und sechs andere Menschen, deren Lebenslinien sich mit der von Manu kreuzen, ist danach nichts mehr wie zuvor.



Ich hatte von diesem Buch eine ganz andere Geschichte erwartet und war ob der Umsetzung positiv überrascht. Das passiert mir eher selten, dass ich ein Buch so gut finde, wie dieses hier, obwohl ich andere Erwartungen hatte. Erzählt wird aus der Sicht von insgesamt 10 Personen, die Kapitel sind jeweils mit ihren Namen gekennzeichnet. Die Leben all dieser Menschen werden auf ganz unterschiedliche Weise direkt oder indirekt dadurch beeinflusst, dass Manu auf dem Dach steht. Was fehlt, ist Manus eigene Perspektive. Ich habe sie nicht wirklich vermisst, mir waren die Einblicke in Manus Wesen anhand anderer, ihr nahe stehender Protagonisten ausreichend. Die Spannung und der Reiz dieses Romans liegen vielmehr darin, dass durch dieses einzelne Ereignis - eine Frau steht auf einem Dach und ruft, dass sie sofort runter muss - so viele verschiedene Leben auf so unterschiedliche Weise beeinflusst werden. Da gibt es den Polizisten Felix, der Manu bewegen soll, herunterzukommen. Den Fahrradkurier Finn, der sich vor kurzem in Manu verliebt hat und feststellen muss, dass er nicht einmal ihren Nachnamen kennt. Die Eigenbrötlerin Edna, die die Polizei alarmierte. Die Gemischtwarenhändlerin Teres, deren Geschäft kurz vor der Insolvenz fast leer gekauft wird. Und noch einige andere mehr, die die Autorin auf sympathische Weise charakterisiert und mit nur wenigen Sätzen näher bringt. Deswegen ist es auch nicht zu viel, diese ganzen Protagonisten auf den eher übersichtlichen Seiten zu versammeln. Es passt, weil Simone Lappert ihre Eigenheiten so gut einfangen und präsentieren kann. Und mit der Zeit wird klar, wer auf welche Weise beeinflusst wird und wie sich die Lebenswege dieser Kleinstadtbewohner tagtäglich kreuzen, ohne, dass ihnen das bewusst ist. Ich war ganz angetan von der Geschichte und der Schreibweise der Autorin und werde mir ihren Debütroman auf die Wunschliste setzen.



Fazit:

Eine prägnante, eindrückliche Charakterzeichnung gelingt der Autorin mit nur wenigen Sätzen. Schicksale werden miteinander verwoben. Es ergibt sich das kaleidoskopische Bild einer Kleinstadt, die vor dem inneren Auge entsteht. Ich war sehr gern in Thalheim zu Gast!