Die Stimmen der Väter
Mir hat dieser Roman von Anfang an gut gefallen, ungewöhnlich und beobachtungsstark! Der Autor Max A. Edelmann ist so alt wie meine Kinder, hat sich aber einem Thema zugewendet, das sehr viel älter ist als er. Was kann Erziehung bewirken, wie lassen sich Traumata überwinden, die schon „mit der Muttermilch“ auf die nächste Generation übergegangen sind? Wie kommt man heraus aus seiner Haut? Wie lange will man auf die Stimme des Vaters hören, auch wenn sie in die falsche Richtung führt? Muss man wirklich stark sein und auf fremde Hilfe verzichten?
Was war geschehen? Thomas Siebenmorgen war ganz offensichtlich dabei, sich in einer depressiven Phase das Leben zu nehmen. Ein plötzlich klarer Gedanke hielt ihn davon ab, aber er hatte die eigene Kraft überschätzt, die Gravitation unterschätzt. Der Tod kam schnell und schrecklich, nicht nur für Siebenmorgen, auch für seine Kollegin Mariá, die nicht mehr helfen konnte, für den Wachmann, der noch zur Seite springen konnte, für das moderne Kunstwerk à la Beuys, das zu Bruch ging. Für eine Sekunde stand das Leben still im Büroturm in Düsseldorf, dann begann sich die Maschinerie von Aufklärung, Trauer, Bestürzung und Unverständnis gnadenlos zu bewegen.
Siebenmorgen, Anwalt für Pensionsrecht, angestellt in einer gut beleumundeten Kanzlei, stellt sich im Verlauf der Geschichte als „ein Mann ohne Eigenschaften“ heraus. Ganz im Gegensatz zu dem als interner Ermittler der Kanzlei eingesetzten jüngeren Anwalt Simon Nyakuri, dessen Name in der ruandischen Heimat seines Vaters prägend „Der nichts als die Wahrheit sucht“ bedeutet. Dass dieser Protagonist zwar hehre Absichten, aber auch jede Menge Karriereversessenheit an den Tag legt, verwundert nicht. Anwälte haben gemeinhin nicht den besten Ruf. Wie sich am aus der Kanzlei ausgeschiedenen Jens Peters wunderbar beweisen lässt. So wurde ich der Klischees manchmal überdrüssig beim Lesen. Ein weiterer Protagonist versucht etwas Ruhe ins Ganze zu bringen, KIT-Mitarbeiter (Kriseninterventionsteam) Viktor Kemper, der sich zuerst um Mariá und später um die Eltern des Toten kümmert. Diese Eltern sind eine besondere Herausforderung, waren das für den Sohn, und machen es auch den genannten Protagonisten nicht leicht. Viktor wird von ihnen als ehemaliger Klassenkamerad erkannt, ihm selbst ist vieles im Hause Siebenmorgen eher unangenehm.
Simon versucht nicht als Einziger, die Gründe für den geplanten Selbstmord zu erkunden, auch Viktor und Mariá forschen munter drauflos, noch unterstützt von einer Reinigungsfrau aus der Kanzlei. Und da wird es dann doch etwas märchenhaft. Aber ich spoilere nicht und lasse den Protagonisten freie Hand!
Allen Protagonisten war eins gemeinsam, ihre Väter, auch die selbsterwählten, gaben ihnen einiges mit auf den Lebensweg. Es hat sie stark gemacht oder schwach, es hat aber immer auf sie gewirkt.
Der Autor hat sich an mancher Stelle zu ausufernden Szenen (das Klassentreffen z. B. gefiel mir nicht besonders) hinreißen lassen, die dem Roman nicht nur gutgetan haben. Es lenkte einfach zu sehr ab, besonders unterhaltsam war es auch nicht.
Die drei Hauptkapitel sind mit Causa, Instructiones und Conclusio überschrieben, passend zur Juristensprache in Latein, das erste Kapitel hat mich überzeugt, im zweiten war Chaos zu spüren, im dritten ging es kurz und halbwegs schmerzlos zum Ende. Der Epilog war fast zu schön, um wahr zu sein.
Auch der unsichtbare Elefant taucht einmal auf, wird dann aber noch auf philosophische Weise ins Spiel gebracht: „Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war.“
Die Sprache im Roman verwunderte mich ab und an, das schlimmste Wort war für mich „Visibility“, denkt man in Kanzleien wirklich so? Ich hoffe, ich brauche nie einen Anwalt.
Teilweise ist der Roman denn auch ein Kriminalroman, dieses Genre könnte der Autor gern weiter bedienen. Die Vergangenheitsaufarbeitung wurde noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit bewältigt. Da ist definitiv Luft nach oben.
Zum Schluss kann ich trotzdem sagen „Lessons learnt, Kuh vom Eis.“ Leseempfehlung!
Was war geschehen? Thomas Siebenmorgen war ganz offensichtlich dabei, sich in einer depressiven Phase das Leben zu nehmen. Ein plötzlich klarer Gedanke hielt ihn davon ab, aber er hatte die eigene Kraft überschätzt, die Gravitation unterschätzt. Der Tod kam schnell und schrecklich, nicht nur für Siebenmorgen, auch für seine Kollegin Mariá, die nicht mehr helfen konnte, für den Wachmann, der noch zur Seite springen konnte, für das moderne Kunstwerk à la Beuys, das zu Bruch ging. Für eine Sekunde stand das Leben still im Büroturm in Düsseldorf, dann begann sich die Maschinerie von Aufklärung, Trauer, Bestürzung und Unverständnis gnadenlos zu bewegen.
Siebenmorgen, Anwalt für Pensionsrecht, angestellt in einer gut beleumundeten Kanzlei, stellt sich im Verlauf der Geschichte als „ein Mann ohne Eigenschaften“ heraus. Ganz im Gegensatz zu dem als interner Ermittler der Kanzlei eingesetzten jüngeren Anwalt Simon Nyakuri, dessen Name in der ruandischen Heimat seines Vaters prägend „Der nichts als die Wahrheit sucht“ bedeutet. Dass dieser Protagonist zwar hehre Absichten, aber auch jede Menge Karriereversessenheit an den Tag legt, verwundert nicht. Anwälte haben gemeinhin nicht den besten Ruf. Wie sich am aus der Kanzlei ausgeschiedenen Jens Peters wunderbar beweisen lässt. So wurde ich der Klischees manchmal überdrüssig beim Lesen. Ein weiterer Protagonist versucht etwas Ruhe ins Ganze zu bringen, KIT-Mitarbeiter (Kriseninterventionsteam) Viktor Kemper, der sich zuerst um Mariá und später um die Eltern des Toten kümmert. Diese Eltern sind eine besondere Herausforderung, waren das für den Sohn, und machen es auch den genannten Protagonisten nicht leicht. Viktor wird von ihnen als ehemaliger Klassenkamerad erkannt, ihm selbst ist vieles im Hause Siebenmorgen eher unangenehm.
Simon versucht nicht als Einziger, die Gründe für den geplanten Selbstmord zu erkunden, auch Viktor und Mariá forschen munter drauflos, noch unterstützt von einer Reinigungsfrau aus der Kanzlei. Und da wird es dann doch etwas märchenhaft. Aber ich spoilere nicht und lasse den Protagonisten freie Hand!
Allen Protagonisten war eins gemeinsam, ihre Väter, auch die selbsterwählten, gaben ihnen einiges mit auf den Lebensweg. Es hat sie stark gemacht oder schwach, es hat aber immer auf sie gewirkt.
Der Autor hat sich an mancher Stelle zu ausufernden Szenen (das Klassentreffen z. B. gefiel mir nicht besonders) hinreißen lassen, die dem Roman nicht nur gutgetan haben. Es lenkte einfach zu sehr ab, besonders unterhaltsam war es auch nicht.
Die drei Hauptkapitel sind mit Causa, Instructiones und Conclusio überschrieben, passend zur Juristensprache in Latein, das erste Kapitel hat mich überzeugt, im zweiten war Chaos zu spüren, im dritten ging es kurz und halbwegs schmerzlos zum Ende. Der Epilog war fast zu schön, um wahr zu sein.
Auch der unsichtbare Elefant taucht einmal auf, wird dann aber noch auf philosophische Weise ins Spiel gebracht: „Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war.“
Die Sprache im Roman verwunderte mich ab und an, das schlimmste Wort war für mich „Visibility“, denkt man in Kanzleien wirklich so? Ich hoffe, ich brauche nie einen Anwalt.
Teilweise ist der Roman denn auch ein Kriminalroman, dieses Genre könnte der Autor gern weiter bedienen. Die Vergangenheitsaufarbeitung wurde noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit bewältigt. Da ist definitiv Luft nach oben.
Zum Schluss kann ich trotzdem sagen „Lessons learnt, Kuh vom Eis.“ Leseempfehlung!