Ein Werk, das lange nachhallt und zum Nachdenken anregt

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regina1960 Avatar

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"Der unsichtbare Elefant“ von Max A. Edelmann hat mich mehr als nur begeistert. Der Roman hat mich fasziniert, das ist definitiv ein Buch, das ich noch einige Male lesen werde, und dabei sicherlich immer noch Neues entdecke. Ich liebe einfach Bücher, die so viel Spielraum lassen! Dies ist ein sehr intensiver, literarisch anspruchsvoller Roman. Der Autor hat hier keine Mühen gescheut, um ein richtiges „Kunstwerk“ entstehen zu lassen, literarisch wie optisch. Nichts wurde dem Zufall überlassen - angefangen bei diesem edlen, nahezu in Weiß gehaltenem Buchcover mit ausdrucksstarkem Motiv, über die vielen eingestreuten Elemente aus Literatur, Kunst, Musik, Religion, Natur und Geschichte, wobei Max Edelmann dem Künstler Joseph Beuys besondere Aufmerksamkeit widmet. Es fängt höchst dramatisch an, Rechtsanwalt Thomas Siebenmorgen, von Suizid-Gedanken getrieben, stürzt von einem Gerüst in den Tod und zerstört dabei eine Millionen teure Skulptur. Beim Versuch, herauszufinden, was ihn zu dieser Verzweiflungstat trieb, entdecken mit Maria, Viktor und Simon drei ungleiche Menschen tiefe, dunklen Flecken auf Thomasʼ Seele, die weit zurück reichen in Kindheit und Familiengeschichte. Dabei werden sie gleichzeitig mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. So waren Großväter in Machenschaften des NS-Regimes verwickelt, jede einzelne Geschichte scheint mit der anderen irgendwie verwoben. Puzzleteilartig führt der Autor, selbst studierter Jurist, seine Leser "chronologisch" durch den "Fall". Dabei teilt er den Roman auf in Prolog, Instructiones, Conclusio, die aus jeweils rund 40 sehr knappen Kapiteln bestehen. Den poetischen Abschluss bildet ein kurzer Epilog. Insgesamt wurde es mir beim Lesen nie langweilig, im Gegenteil. Das Buch konnte ich selten beiseite legen, es hielt für mein Empfinden immer die Spannung hoch und blieb durchweg temporeich. Der Schreibstil gefiel mir ausgezeichnet; die Worte sind präzise gewählt und ausdrucksstark, gleichsam poetisch, die Charaktere intensiv und realitätsnah gezeichnet. Ganz besonders beeindruckt hat mich aber die psychologische Tiefe und Edelmanns´ Fähigkeit, große Emotionen leise, aber eindringlich, zu erzählen. Die Auseinandersetzung mit Erinnerung, Schuld und den Ereignissen im Leben, die oft erst im Rückblick ihre ganze Tragweite entfalten und dies über Generationen hinweg, durchzog sich durch das gesamte Buch. Diesen Roman empfehle ich jedem, der genau die Art von Büchern liebt, die man nicht einfach nur so liest, sondern erlebt. Ein Werk, das nachhallt und zum Nachdenken bringt. Ein Buch, das einem keine vorgefertigten Antworten liefert auf der Suche nach der Wahrheit.