Rätseln über einen Suizid
Gestaltung:
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Das Cover wirkt nüchtern, abgebildet ist die Silhouette eines fallenden Mannes. Die senkrechten Linien kann man in mehrfacher Hinsicht deuten. Gerade diese Schlichtheit hat mich neugierig werden lassen. Mir gefiel es sehr gut.
Inhalt:
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"Thomas Siebenmorgen starrt auf den Bildschirm. Die Buchstaben haben wieder ihren Tanz begonnen. Ein apokalyptischer Reigen. Der Rechtsanwalt hört Stimmen. Stimmen, die rufen. Stimmen, die schreien. Stimmen, die klingen, als kämen sie aus den uralten Tiefen der Vergangenheit. Er steht auf. Er knipst das Licht aus und tritt auf die ovale Galerie. Er betrachtet die gläserne Brüstung, die ihn von einem Abgrund trennt, in den er schon oft geblickt hat. Die Stimmen sind lauter geworden. Er kann den Sinn ihrer Worte nicht verstehen. Er kann nichts mehr fühlen. Keine Zeit. Nichts mehr empfinden. Keinen Raum. Nur den Wunsch, die Stimmen gäben Ruhe. Er klettert über die Brüstung. Er blickt in die Tiefe. Von unten streift ihn ein leichter Luftzug, den er kaum spürt. Da ist erst ein dumpfes Rauschen. Trompeten. Einen Augenblick scheint es ihm, als hielte die Welt inne. Dann begreift er, dass er nicht stillsteht, sondern mitsamt der Erde in unvorstellbarer Geschwindigkeit durchs Universum rast. Er ist bereit, sich ihm wieder anzuvertrauen. Er schließt die Augen, holt tief Luft und hält den Atem an." (S. 8)
Der Anwalt Thomas Siebenmorgen springt aus seinem Bürofenster direkt auf ein teures Kunstwerk und stirbt. Seine Kollegin María ist Zeugin. Viktor Kemper vom Kriseninterventionsteam (KIT) betreut sie. Obwohl es wie ein Suizid aussieht, fragen sich beide, welches Motiv der Anwalt hatte und warum er sich ausgerechnet auf der Arbeit in den Tod stürzte. Auch der junge Anwalt Simon wird seitens der Kanzlei auf Hintergrundrecherche angesetzt. So beginnen alle zu ermitteln und geraten dabei in ein Gemenge aus Kanzleigeheimnissen und persönlichen Abgründen, die bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hineinreichen.
Mein Eindruck:
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"Jetzt konnte Viktor ihn förmlich wieder riechen, den Mief aus Selbstgerechtigkeit, geplatzten Träumen und verflossener Großmannssucht, der in der großelterlichen Wohnung umhergewabert war und in dem er damals inmitten von groß gemusterten Blumentapeten, goldkantigen Chiffongardinen und schweren Perserteppichen fast erstickt wäre. Der abgestandene Geruch des ausgebliebenen Endsiegs. Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war." (S. 286)
Der Beginn des Romans war sehr spannend. Man wird Zeuge des Suizids und rätselt über die Hintergründe. Die Handlung wird von mehreren Schauplätzen durchleuchtet, man begleitet dabei abwechselnd Viktor, María und den jungen Anwalt Simon bei ihren Recherchen. Bis zur Hälfte des Romans verfolgt die Erzählung vorwiegend die Frage nach dem Motiv des Sprungs und deckt dabei einige Ungereimtheiten in der Kanzlei auf. Doch zu einer abschließend befriedigenden Antwort kommen die recherchierenden Personen dadurch nicht. Im weiteren Verlauf verliert sich der Roman m. E. in zu vielen Nebensträngen. Es werden Probleme der sogenannten Kriegsenkel durchleuchtet, aber auch Schuld im Krieg, persönliche Bereicherung zuungunsten anderer und inwieweit man sich von seinen Wurzeln und seiner Erziehung emanzipieren kann. Der Schluss wirkte für mich steif und so stark konstruiert, dass er mich nicht überzeugen konnte. Der Roman hatte ein großes Potenzial, die Sprache und die abwechselnden Perspektiven motivierten zum permanenten Weiterlesen, doch am Ende wollte der Autor zu viel auf einmal. Es werden zu viele Themen aufgegriffen, aber die einzelnen Stränge konnten am Ende nicht zusammengeführt werden.
Ja, der Roman regt zum Nachdenken an: Über das Leben, die Vergangenheit und ihren Einfluss auf uns sowie das Thema, was Glück wirklich bedeutet und wie viel Risiko man bereit ist, für sein Lebensglück auf sich zu nehmen. Das ist das, was ich für mich mitnehme. Die Geschichte selbst war für mich letztendlich jedoch zu unausgegoren, was ich sehr schade finde, denn der Beginn war vielversprechend.
Interessant war noch der Anhang mit weiterführenden Informationen zu den behandelten Themen.
Fazit:
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Vielversprechender Beginn, doch der Autor wollte zu viel auf einmal und das Ende konnte nicht überzeugen
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Das Cover wirkt nüchtern, abgebildet ist die Silhouette eines fallenden Mannes. Die senkrechten Linien kann man in mehrfacher Hinsicht deuten. Gerade diese Schlichtheit hat mich neugierig werden lassen. Mir gefiel es sehr gut.
Inhalt:
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"Thomas Siebenmorgen starrt auf den Bildschirm. Die Buchstaben haben wieder ihren Tanz begonnen. Ein apokalyptischer Reigen. Der Rechtsanwalt hört Stimmen. Stimmen, die rufen. Stimmen, die schreien. Stimmen, die klingen, als kämen sie aus den uralten Tiefen der Vergangenheit. Er steht auf. Er knipst das Licht aus und tritt auf die ovale Galerie. Er betrachtet die gläserne Brüstung, die ihn von einem Abgrund trennt, in den er schon oft geblickt hat. Die Stimmen sind lauter geworden. Er kann den Sinn ihrer Worte nicht verstehen. Er kann nichts mehr fühlen. Keine Zeit. Nichts mehr empfinden. Keinen Raum. Nur den Wunsch, die Stimmen gäben Ruhe. Er klettert über die Brüstung. Er blickt in die Tiefe. Von unten streift ihn ein leichter Luftzug, den er kaum spürt. Da ist erst ein dumpfes Rauschen. Trompeten. Einen Augenblick scheint es ihm, als hielte die Welt inne. Dann begreift er, dass er nicht stillsteht, sondern mitsamt der Erde in unvorstellbarer Geschwindigkeit durchs Universum rast. Er ist bereit, sich ihm wieder anzuvertrauen. Er schließt die Augen, holt tief Luft und hält den Atem an." (S. 8)
Der Anwalt Thomas Siebenmorgen springt aus seinem Bürofenster direkt auf ein teures Kunstwerk und stirbt. Seine Kollegin María ist Zeugin. Viktor Kemper vom Kriseninterventionsteam (KIT) betreut sie. Obwohl es wie ein Suizid aussieht, fragen sich beide, welches Motiv der Anwalt hatte und warum er sich ausgerechnet auf der Arbeit in den Tod stürzte. Auch der junge Anwalt Simon wird seitens der Kanzlei auf Hintergrundrecherche angesetzt. So beginnen alle zu ermitteln und geraten dabei in ein Gemenge aus Kanzleigeheimnissen und persönlichen Abgründen, die bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hineinreichen.
Mein Eindruck:
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"Jetzt konnte Viktor ihn förmlich wieder riechen, den Mief aus Selbstgerechtigkeit, geplatzten Träumen und verflossener Großmannssucht, der in der großelterlichen Wohnung umhergewabert war und in dem er damals inmitten von groß gemusterten Blumentapeten, goldkantigen Chiffongardinen und schweren Perserteppichen fast erstickt wäre. Der abgestandene Geruch des ausgebliebenen Endsiegs. Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war." (S. 286)
Der Beginn des Romans war sehr spannend. Man wird Zeuge des Suizids und rätselt über die Hintergründe. Die Handlung wird von mehreren Schauplätzen durchleuchtet, man begleitet dabei abwechselnd Viktor, María und den jungen Anwalt Simon bei ihren Recherchen. Bis zur Hälfte des Romans verfolgt die Erzählung vorwiegend die Frage nach dem Motiv des Sprungs und deckt dabei einige Ungereimtheiten in der Kanzlei auf. Doch zu einer abschließend befriedigenden Antwort kommen die recherchierenden Personen dadurch nicht. Im weiteren Verlauf verliert sich der Roman m. E. in zu vielen Nebensträngen. Es werden Probleme der sogenannten Kriegsenkel durchleuchtet, aber auch Schuld im Krieg, persönliche Bereicherung zuungunsten anderer und inwieweit man sich von seinen Wurzeln und seiner Erziehung emanzipieren kann. Der Schluss wirkte für mich steif und so stark konstruiert, dass er mich nicht überzeugen konnte. Der Roman hatte ein großes Potenzial, die Sprache und die abwechselnden Perspektiven motivierten zum permanenten Weiterlesen, doch am Ende wollte der Autor zu viel auf einmal. Es werden zu viele Themen aufgegriffen, aber die einzelnen Stränge konnten am Ende nicht zusammengeführt werden.
Ja, der Roman regt zum Nachdenken an: Über das Leben, die Vergangenheit und ihren Einfluss auf uns sowie das Thema, was Glück wirklich bedeutet und wie viel Risiko man bereit ist, für sein Lebensglück auf sich zu nehmen. Das ist das, was ich für mich mitnehme. Die Geschichte selbst war für mich letztendlich jedoch zu unausgegoren, was ich sehr schade finde, denn der Beginn war vielversprechend.
Interessant war noch der Anhang mit weiterführenden Informationen zu den behandelten Themen.
Fazit:
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Vielversprechender Beginn, doch der Autor wollte zu viel auf einmal und das Ende konnte nicht überzeugen