zum Nachdenken

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bobbember Avatar

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Der unsichtbare Elefant. Chronik eines Falls ist ein Buch, das man nicht einfach nur liest, sondern das einen begleitet und noch lange nach der letzten Seite im Kopf bleibt. Ich habe es wirklich gemocht, auch wenn es eher leise erzählt ist und mehr zum Nachdenken als zum Mitfiebern einlädt.

Alles beginnt an einem Winterabend in Düsseldorf: Der Anwalt Thomas Siebenmorgen stürzt sich vor den Augen seiner Kollegin María in den Tod und reißt dabei ein wertvolles Kunstwerk mit sich. Zurück bleiben Fassungslosigkeit, Fragen und das Gefühl, dass hinter dieser Tat viel mehr steckt als ein Moment der Verzweiflung. María kann nicht glauben, dass sie Thomas so falsch eingeschätzt hat – und auch Viktor vom Kriseninterventionsteam beginnt, Spuren zu suchen, die erklären könnten, was Thomas zu diesem Schritt getrieben hat. Parallel dazu wird der junge Staranwalt Simon beauftragt, intern zu ermitteln, und auch er stößt auf Dinge, die besser verborgen geblieben wären.

Besonders gelungen fand ich, wie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Nach und nach entstehen Risse in der glatten Fassade einer internationalen Top-Kanzlei, und gleichzeitig öffnet sich der Blick auf eine Vergangenheit, die weit über Thomas hinausreicht. Der „unsichtbare Elefant“ – das, worüber niemand spricht – wird langsam, aber eindringlich sichtbar und verbindet persönliche Schuld, Verdrängung und europäische Geschichte auf eine sehr intensive Weise.

Das Buch ist ruhig, stellenweise schwer, aber sehr klug und feinfühlig geschrieben. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt aber mit Tiefe und Bedeutung. Für mich ein starkes, nachhallendes Leseerlebnis – 4 Sterne für einen Roman, der mehr Fragen stellt als Antworten gibt, und genau darin seine Stärke hat.