Zwischen rauer Nachkriegsnot und verbotener Romanze

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Mein Urteil: Für mich hat der Text zwei völlig unterschiedliche Gesichter – das eine packt mich, das andere lässt mich ein wenig die Augenbrauen hochziehen.

Der Prolog im kalifornischen Napa Valley mit den getragenen Belehrungen über Mondphasen, das Atmen der Reben und die kosmische Verbundenheit wirkt auf mich wie ein ziemlich bemühter, fast schon esoterisch angehauchter Einstieg. Da braucht es für meinen Geschmack etwas zu viel Pathos, um ein Thema aufzubauen, das man erst zwanzig Jahre später begreift.

Ganz anders sieht es aus, sobald das Buch ins Jahr 1945 nach Herxheim umschaltet. Da ist plötzlich echtes Leben auf den Seiten: Der mit Schalen gestreckte Kartoffelstampf, die ständige Angst vor Zwangseinquartierungen und das ewige, nervenaufreibende Schlangestehen für Essensmarken und Brot. Das ist handfest und spiegelt die zähe, bittere Nachkriegsstimmung spürbar wider.

Die Liebesgeschichte zwischen Liese und dem einquartierten französischen Leutnant Michel hat mich allerdings mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen. Auf der einen Seite fängt der Text die Faszination gut ein: Ein charmanter Besatzer, der echten Bohnenkaffee mitbringt, ihr französische Vokabeln beibringt und ein wenig Glanz in diesen völlig ausgehungerten Alltag bringt. Auf der anderen Seite kippt das Ganze extrem schnell in ein klassisches Schmalz-Klischee – der blonde, hünenhafte Soldat mit eisblauen Augen, der ihr beim Bettenbeziehen tief in die Seele schaut und ihr schon nach kurzer Zeit „Un baiser“ erklärt. Das liest sich zwar flüssig und wird Leserinnen von gefühlvollen historischen Romanzen sicher gefallen, wirkt aber im Kontrast zur harten Realität des Jahres 1945 stellenweise arg geschönt und vorhersehbar.

Solider Stoff für einen gemütlichen Leseabend, aber mir persönlich fast schon einen Tick zu viel rosarote Brille im Trümmerstaub.