Bedrückende Nachkriegsgeschichte
Das Umschlagsbild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Roller, der einen übermächtigen Schatten vor sich sieht.
So geht es auch André, dessen Leben von einer großen Ungewissheit überschattet wird. Ein Teil des Buches widmet sich der – kaum begreifbaren – Tatsache, dass Kinder von deutschen Frauen und französischen Besatzungssoldaten ihren Müttern entrissen und in Frankreich zur Adoption freigegeben wurden. Dies passierte im Alter von 2 Jahren auch André, der eigentlich Johannes hieß und von seiner Mutter liebevoll Jolli gerufen wurde. Eine nicht fassbare Erinnerung und der Nachhall von üblen Worten in seiner Kinderzeit sind in ihm gespeichert und kurz vor seinem 80sten Geburtstag möchte er diesen Erinnerungen nachforschen und endlich wissen, woher er kommt und wohin er gehört.
Maya, Andrés Enkelin ist Winzerin mit Leib und Seele und hat dies von ihrem Großvater geerbt, der auf einem Weingut in Frankreich aufgewachsen war und im Napa Valley ein Weingut hat, das für seinen Wein geschätzt wird. Sie ist diejenige, die sich auf seine Bitte hin aufmacht nach Deutschland, um etwas über die Herkunft von André herauszubringen. Sie ist die Verbindung zwischen Deutschland und Kalifornien und über sie erfahren wir recht viel über den Weinanbau dort und die Gefahren des Klimawandels bis hin zum Ausbruch gewaltiger zerstörender Brände.
Für meinen Geschmack nimmt das aber zu viel Raum ein und wäre in einem eigenen Roman besser aufgehoben. Die ursprüngliche Geschichte von Johannes/André ist spannend genug und braucht diesen zweiten Erzählstrang nicht. Durch diesen wird die Ungeheuerlichkeit, die in den Nachkriegsjahren den deutschen Müttern und ihren Kindern widerfährt, eher relativiert und in den Hintergrund gedrängt. Das ist nicht nur schade, sondern auch eine gewisse Abwertung des Leidens dieser Mütter, von dem in Deutschland offenbar nur Wenige wissen, das nie kommuniziert wurde und das auch mir bisher nicht bekannt war. Zwar liefert die Autorin im Nachwort Erklärungen für die Zweiteilung ihres Romans, ich kann sie nicht wirklich nachvollziehen. Gut finde ich, dass sie wenigstens versucht, mit Quellen zu dem verstörenden Vorgehen der französischen Regierung zum Weiterrecherchieren anregt.
Mich hätten recherchenbasierte Berichte über ähnliche Fälle viel mehr interessiert als die Brände in amerikanischen Weinbergen und die Verknüpfung von zwei eigentlich wichtigen Aspekten – die Verschleppung deutscher Kinder nach Frankreich einerseits und die Bedrohung durch die Auswirkungen des Klimawandels andererseits– bietet weder dem Einen noch dem Anderen die gebührende Aufmerksamkeit!
Trotzdem: Wer sich für deutsche – und in diesem Fall auch französische – Nachkriegsgeschichte interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen!