Ein Krimi mit Tiefgang

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Schon vor dem Aufschlagen hat mich dieses Buch optisch total abgeholt. Das Cover strahlt durch seine historische Chicago-Illustration eine unheimlich noble, fast nostalgische Ruhe aus. Zusammen mit dem Titel „Die Auster“ entsteht sofort ein edles, aber auch geheimnisvolles Bild. Man denkt an Luxus, an eine verschlossene Schale und an etwas Verborgenes, das im Inneren darauf wartet, entdeckt zu werden.
Und die Leseprobe hält genau das, was dieser erste Eindruck verspricht. Der Einstieg ist grandios inszeniert. Ein Mord ist geschehen, aber statt des üblichen Ermittler-Klaus-Krimis lernen wir Leonora kennen – eine 73-jährige Reinigungskraft, die erst mal seelenruhig den Tatort putzt, weil Unordnung in ihrer Welt einfach keinen Platz hat. Yael Inokais Schreibstil ist dabei ein echter Genuss. Er ist unaufgeregt, elegant, bodenständig und gleichzeitig voller feiner Beobachtungen.
Leonora ist als Protagonistin sofort einnehmend. Sie ist pragmatisch, ein bisschen kauzig, altersweise und blickt mit einem ganz eigenen, messerscharfen Blick auf die Welt des Reichtums. Die Mischung aus einem skurrilen Kriminalfall (dem Toten fehlen beide Hände!) und der leisen, melancholischen Alltagsstudie einer älteren Frau im winterlichen Berlin hat mich sofort fasziniert. „Die Auster“ fühlt sich nicht nach einem reißerischen Thriller an, sondern nach einer tiefgründigen Geschichte mit ganz viel Atmosphäre.