Psychologisch und feinfühlig

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noiram Avatar

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Diese Leseprobe hat mich sofort durch ihre unterkühlte, fast klinische und gerade deshalb so packende Atmosphäre fasziniert. Yael Inokai wirft uns mitten hinein in eine bizarre Szenerie: Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wurde ermordet – und das Erste, was die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch tut, ist, den Tatort noch vor dem Eintreffen der Polizei gründlich und diskret zu wischen.
​Leonora ist eine faszinierende, unaufgeregte Protagonistin. Mit ihren 73 Jahren blickt sie auf ein langes Leben voller Arbeit zurück und besitzt ein unbestechliches, fast unsichtbares Auge für die Details ihrer Umgebung. Wie sie da am Küchentisch sitzt, während die Spurensicherung in weißen Anzügen wie Gespenster durch das Haus schleicht, und sie völlig pragmatisch zugibt, die Blutschlieren weggewischt zu haben, hat eine ganz eigene, feine Ironie.
​Besonders stark spürt man den Kontrast zwischen dem unermesslichen Reichtum des Ermordeten und Leonoras eigener, bescheidener Lebensrealität, die eng mit ihrem alten Freund, dem lethargischen Kaufhausdetektiv Friedhelm, verknüpft ist. Der Einstieg deutet meisterhaft an, dass unter der glänzenden Oberfläche des Luxuskaufhauses ein dichtes Netz aus Einsamkeit, alten Geheimnissen und menschlichen Abgründen brodelt. Dass dem Toten zudem beide Hände fehlen, bringt eine schaurige, rätselhafte Note in das ansonsten so leise, präzise erzählte Drama.