Wenn der Putzlappen zum Tatzeugen wird

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Der Roman macht nicht die Leiche zum Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Frau, die daneben sitzt. Leonora Bloch wirkt zunächst unscheinbar – und gerade deshalb kann man den Blick kaum von ihr lösen. Während um sie herum die Kriminaltechnik routiniert arbeitet, beobachtet sie mit einer fast beunruhigenden Präzision. Sie sieht alles. Und man hat das Gefühl, dass sie weit mehr wahrnimmt, als sie ausspricht.
Leonora blickt kaum direkt ins Wohnzimmer, sondern nimmt das Geschehen über den Kühlschrank, die Fensterfront und die glänzenden Oberflächen wahr. Dadurch entsteht eine eigentümliche Distanz, fast als würde sie den Mord durch einen Filter erleben. Das passt wunderbar zu ihrer Figur, die sich selbst als unsichtbar beschreibt und doch zur aufmerksamsten Beobachterin des gesamten Raumes wird.

Der Schreibstil ist ruhig, messerscharf und von einer erstaunlichen Bildkraft. Da reicht ein Satz wie „von einer Fußbodenheizung getröstet werden“, um Wohlstand, Einsamkeit und Sehnsucht gleichzeitig einzufangen. Solche Formulierungen wirken nie bemüht, sondern öffnen kleine gedankliche Räume. Auch die Beschreibung von Reichtum über warme Böden, Kaschmirmäntel und beheizte Einfahrten erzählt mehr über gesellschaftliche Unterschiede als viele ausführliche Erklärungen könnten.
Und dann kommt dieser Moment, der den gesamten Einstieg auf den Kopf stellt: Leonora erzählt völlig selbstverständlich, dass sie nach dem Fund der Leiche erst einmal sauber gemacht hat. Ich musste diesen Satz tatsächlich zweimal lesen!!!
Er ist schockierend, gleichzeitig aber vollkommen glaubwürdig, weil er so konsequent aus ihrer Identität als Putzfrau heraus gedacht ist. Plötzlich verschwimmen Routine, Berufsethos und Ausnahmesituation auf verstörende Weise. Genau an dieser Stelle war ich all in!

Auch die Dialoge überzeugen. Sie wirken nüchtern, fast beiläufig, doch unter jeder Antwort scheint eine zweite Geschichte zu liegen. Leonora ist keine klassische Zeugin, sondern eine Frau, die vierzig Jahre lang Staub gewischt und dabei vermutlich mehr über das Leben ihres Arbeitgebers erfahren hat, als dieser jemals geahnt hätte. Dass sie dennoch sagt, sie habe ihn eigentlich nie kennengelernt, macht neugierig. Es klingt nach einem Roman, der sich weniger für das Wer war der Täter? interessiert als für die Frage, wie viel wir von einem Menschen überhaupt erkennen können.

Mein erster Eindruck: Das ist kein lauter Krimi, sondern einer, der mit Atmosphäre, feinen Beobachtungen und einer außergewöhnlichen Hauptfigur arbeitet. Der Mord ist der Auslöser – doch die eigentliche Spannung entsteht durch Leonora selbst. Sie wirkt gleichzeitig verletzlich, eigensinnig, humorvoll und rätselhaft. Genau solche Figuren tragen einen Roman weit über den eigentlichen Kriminalfall hinaus. Ich möchte unbedingt weiterlesen, weil ich das Gefühl habe, dass hinter Leonoras ruhiger Fassade mindestens ebenso viele Geheimnisse liegen wie hinter dem Tod von Dr. Bronstett.