Anders - aber nicht schlecht

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Die Auster von Yael Inokai ist ein Roman, der sich nur schwer in ein Genre einordnen lässt. Ausgangspunkt ist zwar ein rätselhafter Mord, doch schnell wird deutlich, dass hier weniger der Kriminalfall als vielmehr die Menschen und ihre Lebensgeschichten im Mittelpunkt stehen. Wer einen klassischen Krimi erwartet, sollte das definitv wissen.

Besonders gefallen hat mir die Figur der Leonora. Mit über siebzig Jahren ist sie eine ungewöhnliche Protagonistin, deren Einsamkeit, Erinnerungen und Sorgen sehr einfühlsam erzählt werden. Auch die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen Wohlstand und Altersarmut sowie die Welt des traditionsreichen Kaufhauses werden überzeugend eingefangen. Der ruhige, atmosphärische Schreibstil passt gut zu dieser Geschichte.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der eigentliche Kriminalfall etwas mehr Raum bekommt. Über weite Strecken rückt er in den Hintergrund, während sich der Roman auf die Figuren konzentriert. Die Auflösung kam für meinen Geschmack etwas zu schnell und hätte ausführlicher sein dürfen.

Trotzdem hat mich Die Auster ganz gut unterhalten. Es ist ein ungewöhnlicher Roman mit einer ganz eigenen Atmosphäre, der weniger durch Spannung als durch seine Figuren und seine feinen Beobachtungen überzeugt. Wer sich auf dieses Erzähltempo einlässt, wird mit einer besonderen Lektüre belohnt. Von mir gibt es noch vier Sterne.