Ein Panorama der Unsichtbaren

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nathalielamieux Avatar

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Ein Mord ist der Ausgangspunkt von Yael Inokais "Die Auster". Doch wer hier einen klassischen Kriminalroman erwartet, wird schnell merken: Die eigentliche Spannung liegt nicht in der Frage, wer Dr. Bronstett getötet hat. Sie liegt in Leonora Bloch.

Leonora arbeitet seit vierzig Jahren als Reinigungskraft im Kaufhaus. Sie ist eine Frau, die im Hintergrund bleibt, die Spuren anderer beseitigt und dabei mehr wahrnimmt, als die Menschen um sie herum ahnen. Gerade diese stille Beobachterrolle macht sie zu einer so faszinierenden Figur. Sie sieht alles – und wird selbst kaum gesehen.
Das Kaufhaus als Schauplatz hat mir besonders gut gefallen. Es ist ein Ort, an dem unterschiedlichste Menschen aufeinandertreffen, ohne wirklich miteinander verbunden zu sein. Hinter den glänzenden Oberflächen, den Waren und den geregelten Abläufen zeigt sich eine ganze Gesellschaft mit ihren Hierarchien, Sehnsüchten und Einsamkeiten. Dabei musste ich immer wieder an Vicki Baum denken, die in ihren Romanen ebenfalls Orte wie ein Kaufhaus oder ein Hotel nutzt, um ein ganzes gesellschaftliches Panorama zu erzählen. Auch bei Inokai wird ein einzelner Schauplatz zum Spiegel seiner Zeit.

Überhaupt hat der Roman für mich etwas von der Literatur der Neuen Sachlichkeit. Die Sprache ist klar, präzise und beobachtend. Yael Inokai schreibt mit einer fast kühlen Genauigkeit, hinter der sich aber sehr viel Menschlichkeit verbirgt. Sie urteilt nicht über ihre Figuren, sondern schaut ihnen genau zu. Gerade diese Zurückhaltung macht viele Szenen so eindringlich.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Moment, in dem Leonora erzählt, dass sie nach dem Fund der Leiche zunächst sauber gemacht hat. Ein Satz, der mich erst irritiert hat – und dann unglaublich viel über diese Frau erzählt. Denn natürlich ist es ungewöhnlich. Aber aus Leonoras Perspektive ist es vollkommen konsequent. Das Putzen ist ihre Arbeit, ihre Routine, vielleicht sogar ihre Art, sich die Welt zu erschließen.
Was mir an "Die Auster" besonders gefällt: Der Roman interessiert sich nicht nur für das, was passiert, sondern für das, was verborgen bleibt. Wie gut kennen wir Menschen, denen wir täglich begegnen? Was sehen wir – und was übersehen wir? Leonora hat Jahrzehnte damit verbracht, die Hinterlassenschaften anderer Menschen wegzuräumen. Und vielleicht hat sie dabei mehr über sie erfahren, als ihnen lieb gewesen wäre.