ein Roman, der sich als Krimi verkleidet

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reiselust Avatar

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Dieser Roman ist eigentlich kein klassischer Krimi. Eher ein stiller Roman, der sich um ein ehemals glamouröses Kaufhaus in Berlin und um die 73jährige Leonora Bloch dreht. Leonora findet ihren Arbeitgeber, den Geschäftsführer des Kaufhauses in seinem Haus im Grunewald ermordet auf. In diesem Haushalt hat sie 45 Jahre lang geputzt.

Hier treffen zwei Welten aufeinander: Die luxuriöse, wohlhabende rund um den Ermordeten und seine Familie und die prekäre Welt Leonoras, die, längst im Rentenalter, finanziell immer noch auf ihren Lohn aus dem Putzjob zweimal die Woche angewiesen ist. Von diesem Gegensatz zwischen arm und reich, von dem Blick Leonoras auf die Welt des Luxus, des vordergründig angenehmen Wohlstands, lebt dieser Roman.

Auch Leonoras Leben ist mit dem Kaufhaus, hier drängen sich Parallelen zum KaDeWe in Berlin auf, eng verbunden, war sie doch jahrzehntelang als Aushilfe dort tätig. In Rückblicken erfährt der Leser von den vergangenen prächtigen Zeiten des Kaufhauses, vom weniger prächtigen Leben seiner Angestellten und vom harten Leben der einst alleinerziehenden Leonora. Man taucht ab in eine längst vergangene Zeit, in der es noch fachkundige Verkäuferinnen gab und ein wirklich elegantes, luxuriöses Warensortiment. Doch jetzt wird auch hier mit Billigwaren Umsatz gemacht, Personal abgebaut und klar ist, die große Zeit des KaDeWe ist vorbei.

Die Autorin erzählt humorvoll, in lakonischer, moderner Sprache. Ein Spannungsbogen ergibt sich durch die Suche nach dem Mörder. Im großen und Ganzen ist es aber ein ruhiger, unaufgeregter Roman. Besonders besticht die Autorin durch die Schilderung alltäglicher Routinen, wie zum Beispiel das Putzen und überhaupt des Alltags der Protagonisten sowie durch die feinziselierten Charakterbeschreibungen der Figuren.

Sowohl das Mordopfer als auch Leonora stechen durch ihre Einsamkeit, ihren Hang zum Einzelgängertum heraus, wenn auch jeweils auf unterschiedliche Art und Weise. Leonora zieht sich zurück, hat kaum Freunde, ist verschlossen, wie die titelgebende Auster. Das Mordopfer hingegen hatte wohl zahlreiche Affären, aber nie eine tiefergehende Beziehung zu anderen Menschen. Eine traurige Verlorenheit durchzieht diesen Roman, wenn auch hin und wieder eine Spur von Humor aufblitzt. Leonora trägt ihr Schicksal fast schon mit stoischer Gelassenheit, ohne mißgünstigen Blick auf die luxuriöse Welt ihres ermordeten Arbeitgebers. In den Rückblicken auf ihr Leben klingt leise Gesellschaftskritik an. In ihrer schroffen Art ist sie keine wirkliche Sympathieträgerin, die man am Ende für ihre Art durchs Leben zu gehen dennoch bewundern muß.

Ein unterhaltsamer, ruhiger Roman, der sprachstilistisch sehr gelungen ist und den ich gerne gelesen habe. Die Unwahrscheinlichkeiten im Krimiplot verzeihe wegen der phänomenalen Sprachkunst. Ich vergebe 4 Sterne.