Einsamkeit, soziale Benachteiligung und Nicht-Gesehen-Werden
Charakterstudie einer Putzfrau mit Sozialkritik des Kaufhaus-Milieus - feine Beobachtungen und kluge Gedanken, bildhaft in Worte gekleidet
Es beginnt wie ein klassischer Krimi mit einem blutigen Mord, doch es ist keiner, auch wenn es Spuren und Verdächtige gibt. Friedhelm ist Kaufhausdetektiv und auch der Leser sollte detektivisch lesen, denn nach und nach erfahren wir aus Dialogen und Gedanken eine Menge über die Hauptperson Leonora und andere. Es geht also vorrangig nicht um die Aufklärung eines Mordes trotz eingestreuter Verdachtsmomente und Beobachtungen, die Leonora nach und nach einfallen, sondern es entfaltet sich nach und nach eine Persönlichkeitsstudie von Leonora und einer sozialkritische Milieustudie des Kaufhaus-Universums, eine Welt, in die die unbeachtete ‘unsichtbare’ Leonora durch ihre langjährige Tätigkeit tiefe Einblicke hat, denn sie macht schon lange den Dreck und Abfall der Reichen weg.
Leonora Bloch, die Putzfrau des Kaufhaus-Geschäftsführers Dr. Bronstett, hat ihn tot in seinem Haus in einer Blutlache gefunden, ohne Hände. Sie hat - aus welchen Gründen auch immer - alles sehr gründlich geputzt, auch dunkelrote Schuhabdrücke und hat sogar die Türgriffe abgewischt. Erst als sie im Büro das Telefon sieht, kommt ihr die Idee, die Polizei zu rufen, ein seltsames Verhalten, das dem Leser rätselhaft vorkommt.
Es gibt natürlich polizeiliche Ermittlungen und neue Entdeckungen: Bronstetts Safe war offen und leer und Fischrestaurant des Kaufhauses wird bei den Austern im Eis eine seiner Hände gefunden. Möglicherweise ist auch Leonora verdächtig, aber darum geht es nicht, auch wenn ihr nach und nach einfällt, was sie im Hause Bronstett bemerkt hat.
Wir lernen einige interessante Personen kennen, die mit Leonora zu tun haben: ihr fürsorglicher Freund Friedhelm, Ilcsi aus dem Kaufhaus und Bronstetts Tochter Amande, um die es möglicherweise ein Geheimnis gibt.
Für mich sind aber zwei Themen wichtig: zum einen die tiefe Einsamkeit Leonoras und ihre vielen Gedanken zum Tod ihres Sohnes, den sie nicht verarbeitet hat, ihr Rückblick auf die Mutter und ihre vielen Beobachtungen des Alltagslebens, die uns die Autorin in klugen Gedanken nachvollziehen lässt, oft in treffsicheren Formulierungen. All dies ist wie nebenbei eingestreut und wird leicht überlesen, kann aber stückweise zu einem Bild Leonoras zusammengesetzt werden.
Das gilt noch stärker für den sozialkritischen Aspekt, denn Kaufhausangestellte und Putzfrauen wie auch anderes Servicepersonal sind die Unsichtbaren, die den Dreck der anderen wegputzen und -räumen müssen, manche von ihnen ausgebeutet hinter der Luxusfassade eines Kaufhauses.
Das Ganze wird in teilweise kreativen Wortschöpfungen erzählt: Hände als ‘blaue Tierchen mit abgenagten Fingernägeln’ (22), eine treffende, gut vorstellbare Beschreibung vom Wachwerden: ‘die Realität anknipsen’ (14).
Zwei Beispiele für Leonoras tiefschürfende Gedanken: sie möchte kein Mobiltelefon, weil sie nicht ‘von der Gegenwart verfolgt werden will wie alle anderen Menschen (27). Oder: ‘Man dürfe nicht alles glauben, was man denke.’ (155) - Was nicht benutzt wurde, lebte nicht, war nur ein totes Ding, egal wie schön. (26)
Fazit
Dies ist also keinesfalls ein klassischer oder spannender Kriminalroman und sollte auch nicht als solcher gelesen werden. Aus dieser kritischen Gesellschafts- und Charakterstudie kann man aber wichtige Erkenntnisse mitnehmen. Ich habe dieses Buch mit großem Gewinn gelesen und empfehle es gerne weiter.
Es beginnt wie ein klassischer Krimi mit einem blutigen Mord, doch es ist keiner, auch wenn es Spuren und Verdächtige gibt. Friedhelm ist Kaufhausdetektiv und auch der Leser sollte detektivisch lesen, denn nach und nach erfahren wir aus Dialogen und Gedanken eine Menge über die Hauptperson Leonora und andere. Es geht also vorrangig nicht um die Aufklärung eines Mordes trotz eingestreuter Verdachtsmomente und Beobachtungen, die Leonora nach und nach einfallen, sondern es entfaltet sich nach und nach eine Persönlichkeitsstudie von Leonora und einer sozialkritische Milieustudie des Kaufhaus-Universums, eine Welt, in die die unbeachtete ‘unsichtbare’ Leonora durch ihre langjährige Tätigkeit tiefe Einblicke hat, denn sie macht schon lange den Dreck und Abfall der Reichen weg.
Leonora Bloch, die Putzfrau des Kaufhaus-Geschäftsführers Dr. Bronstett, hat ihn tot in seinem Haus in einer Blutlache gefunden, ohne Hände. Sie hat - aus welchen Gründen auch immer - alles sehr gründlich geputzt, auch dunkelrote Schuhabdrücke und hat sogar die Türgriffe abgewischt. Erst als sie im Büro das Telefon sieht, kommt ihr die Idee, die Polizei zu rufen, ein seltsames Verhalten, das dem Leser rätselhaft vorkommt.
Es gibt natürlich polizeiliche Ermittlungen und neue Entdeckungen: Bronstetts Safe war offen und leer und Fischrestaurant des Kaufhauses wird bei den Austern im Eis eine seiner Hände gefunden. Möglicherweise ist auch Leonora verdächtig, aber darum geht es nicht, auch wenn ihr nach und nach einfällt, was sie im Hause Bronstett bemerkt hat.
Wir lernen einige interessante Personen kennen, die mit Leonora zu tun haben: ihr fürsorglicher Freund Friedhelm, Ilcsi aus dem Kaufhaus und Bronstetts Tochter Amande, um die es möglicherweise ein Geheimnis gibt.
Für mich sind aber zwei Themen wichtig: zum einen die tiefe Einsamkeit Leonoras und ihre vielen Gedanken zum Tod ihres Sohnes, den sie nicht verarbeitet hat, ihr Rückblick auf die Mutter und ihre vielen Beobachtungen des Alltagslebens, die uns die Autorin in klugen Gedanken nachvollziehen lässt, oft in treffsicheren Formulierungen. All dies ist wie nebenbei eingestreut und wird leicht überlesen, kann aber stückweise zu einem Bild Leonoras zusammengesetzt werden.
Das gilt noch stärker für den sozialkritischen Aspekt, denn Kaufhausangestellte und Putzfrauen wie auch anderes Servicepersonal sind die Unsichtbaren, die den Dreck der anderen wegputzen und -räumen müssen, manche von ihnen ausgebeutet hinter der Luxusfassade eines Kaufhauses.
Das Ganze wird in teilweise kreativen Wortschöpfungen erzählt: Hände als ‘blaue Tierchen mit abgenagten Fingernägeln’ (22), eine treffende, gut vorstellbare Beschreibung vom Wachwerden: ‘die Realität anknipsen’ (14).
Zwei Beispiele für Leonoras tiefschürfende Gedanken: sie möchte kein Mobiltelefon, weil sie nicht ‘von der Gegenwart verfolgt werden will wie alle anderen Menschen (27). Oder: ‘Man dürfe nicht alles glauben, was man denke.’ (155) - Was nicht benutzt wurde, lebte nicht, war nur ein totes Ding, egal wie schön. (26)
Fazit
Dies ist also keinesfalls ein klassischer oder spannender Kriminalroman und sollte auch nicht als solcher gelesen werden. Aus dieser kritischen Gesellschafts- und Charakterstudie kann man aber wichtige Erkenntnisse mitnehmen. Ich habe dieses Buch mit großem Gewinn gelesen und empfehle es gerne weiter.