Glanz und Verfall

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Ein totes Geschäftsführer, zwei fehlende Hände, und mittendrin eine 73-jährige Putzfrau, die erstmal wischt, bevor sie die Polizei ruft. Klingt nach schwarzer Krimikomödie, ist es aber nur auf den ersten Blick. Leonora Bloch putzt seit 45 Jahren im noblen Berliner Traditionskaufhaus sowie bei dem Chef des Kaufhauses zuhause, kennt jede Ecke, jedes Geheimnis, und schweigt lieber, als zu reden. Als ihr Chef tot auf dem Boden liegt, interessiert sie sich fast mehr für den Fleck als für den Täter.
Und genau darin liegt der Reiz des Buches: Inokai schreibt in einem trockenen, fast unterkühlten Ton, ohne ein einziges überflüssiges Wort, und trotzdem bleibt man an jeder Seite hängen. Kein Satz plustert sich auf, keine Metapher wird zu Tode geritten und trotzdem entsteht ein Sog, der einen durch die 30 knappen Kapitel zieht. Man hangelt sich zwischen Gegenwart und Leonoras Vergangenheit, zwischen Kaufhausglanz und Altersarmut, zwischen Austernbar und Einsamkeit. Nebenbei wird das Buch zur Sozialstudie über Klassenunterschiede und darüber, dass Geld und Einsamkeit sich gegenseitig ziemlich egal sind.
Der Titel ist dabei doppelt gemeint: Die titelgebende Auster liegt tatsächlich an der Fischtheke, in deren Nähe eine der Hände auftaucht, aber sie steht natürlich auch für Leonora selbst: harte Schale, weicher Kern, nach außen komplett verschlossen.
Was mich am Ende etwas geärgert hat: Nachdem der Roman sich so viel Zeit für seine Figuren und ihre Geschichten genommen hat, wird der eigentliche Kriminalfall auf den letzten Seiten fast im Vorbeigehen aufgelöst. Ein paar Fäden werden angerissen und dann einfach fallengelassen, statt sie zu Ende zu erzählen. Nach so einem sorgfältig aufgebauten Buch hätte ich mir für den Schluss etwas mehr Ruhe gewünscht.
Trotzdem: große Leseempfehlung für alle, die Lust auf einen leisen, klugen Roman mit Krimi-Fassade haben.