Großartiges Gesellschaftsportrait mit Krimielementen
Wie seit über 40 Jahren will Leonora bei ihrem Chef Dr. Bronstett diesen Morgen sein Haus auf Vordermann bringen. Blöderweise liegt dieser aber tot und ohne Hände in seinem Haus. In Schockstarre erledigt sie trotzdem ihre Arbeit als Putzfrau und gerät so vorerst in den näheren Kreis der Verdächtigen der Mordermittlung. Doch wer nun meint, einen kurzweiligen Krimi in Händen zu halten, muss enttäuscht werden. Die restliche Geschichte ist eine intelligente und schwarzhumorige Milieustudie, die am Ende auch eine Auflösung des Mordes mit sich bringt.
Was für ein geniales Buch ist Autorin Yael Inokai da gelungen! Sie portraitiert die Reinigungsdame und Kaufhausaufhilfe Leonora Bloch in einer derart unsentimentalen und authentischen Art und Weise, dass man sofort glaubt, sie könnte die Nachbarin von nebenan sein. Und das mit Sätzen, die so nachvollziehbar sind, dass man es manchmal schade findet, dass sie einen nicht selbst eingefallen sind. Wenn sie sich einfach nur wegdenken möchte, schreibt sie beispielsweise:
Leonora drehte sich um und sah auf den Wäscheständer. Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch, dieser Wäscheständer, behangen mit Unterhosen, Unterhemden und Socken, frei von Mord und Totschlag, Steuererklärungen, verwöhnten Töchtern, die nicht mehr in ihre winzigen Kleider passten. (S. 109)
Leonora ist eine Person, die einfach nur Leben will, ohne Pomp und vor allem - ohne viel Kontakt zu anderen Menschen. Deshalb schätzt sie ihre Arbeit als Reinigungskraft so sehr, weil sie mit den Schmutzverursachern so wenig wie möglich zu tun hat. Trotzdem weiß - oder glaubt zu wissen - erstaunlich viel über ihren getöteten Chef Dr. Bronstett. Deshalb ist sie auch nur mäßig überrascht, als er sie testamentarisch dazu beauftragt, sein Begräbnis zu organisieren. Bedauerlicherweise will da aber auch noch seine Tochter Amande - widerwillig aber doch - ein Wörtchen mitreden.
Es ist einfach so schön zu lesen, wie die Autorin die Protagonistin beschreibt. Leonora ist schrullig, zurückgezogen, menschenabgewandt, zutiefst genügsam, aber auch eine Person, die schwere Schicksalsschläge erlebt hat. So hat sie ihren Sohn früh an eine schwere Krankheit verloren, ein Ereignis, dass sie tief geprägt hat. Trotzdem war und ist sie immer noch äußerst pflichtbewusst und versucht, allen alles recht zu machen. Im Laufe der Geschichte finden wir heraus, dass Leonora viel wusste, aber auch viel intuitiv ahnte. Besonders schön fand ich, ihre Gedanken mitverfolgen zu können - sie sagt Dinge und führt sie im Gedanken weiter, ohne sie auszusprechen - wer kennt es nicht?
Gesamtheitlich betrachtet ist Leonoras Schicksal zutiefst traurig, aber die Autorin schafft es, sie so realistisch darzustellen, dass man erkennt: solch eine Geschichte gibt es Zuhauf, wir mögen nur nicht hinschauen. Hier gibt es das immer-wieder-auf-das-Geld-schauen-müssen, eine Genügsamkeit ohne den geringsten Funken an Neid, die nur Menschen kennen, die weit von Luxus entfernt sind und einen Schicksalsschlag, der durch gesellschaftliche Konventionen zu einer tiefen, unberechtigten Scham führen. Die Charakterzeichnung ist der Autorin einfach nur genial gelungen. Außerdem portraitiert sie die ehemalig wichtige Bedeutung der Lebenswelt eines Großkaufhauses in all seinen hierarchischen Aspekten.
Nebenher läuft die Aufklärung des Mordfalles, die wirklich nur eine Nebenrolle spielt. Der Mord wird geklärt und man mag dem Buch anlasten, dass diese Aufklärung konstruiert ist - dann verkennt man aber, dass es vordergründig nicht um das Tötungsdelikt geht - sondern um eine Alltagsheldin, die trotz Schicksalsschlägen immer an ihrem Verantwortungsbewusstsein festhält. Was "die Auster" damit zu tun hat: außer dass das Tier regelmäßig gegessen wird, gibt es viele Bezüge, die ihm und den handelnden Personen angelastet werden können.
Mein Fazit: "Die Auster" ist für mich zweifelsohne ein Highlight des diesjährigen Lesejahres, dass durch Tiefgründigkeit, hervorragende Menschenbeobachtung und schwarzem Humor besticht. Einen handelsüblichen Krimi darf man sich aber nicht erwarten, sondern ein gelungenes Gesellschaftsportrait, das lange nachhallt!
Was für ein geniales Buch ist Autorin Yael Inokai da gelungen! Sie portraitiert die Reinigungsdame und Kaufhausaufhilfe Leonora Bloch in einer derart unsentimentalen und authentischen Art und Weise, dass man sofort glaubt, sie könnte die Nachbarin von nebenan sein. Und das mit Sätzen, die so nachvollziehbar sind, dass man es manchmal schade findet, dass sie einen nicht selbst eingefallen sind. Wenn sie sich einfach nur wegdenken möchte, schreibt sie beispielsweise:
Leonora drehte sich um und sah auf den Wäscheständer. Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch, dieser Wäscheständer, behangen mit Unterhosen, Unterhemden und Socken, frei von Mord und Totschlag, Steuererklärungen, verwöhnten Töchtern, die nicht mehr in ihre winzigen Kleider passten. (S. 109)
Leonora ist eine Person, die einfach nur Leben will, ohne Pomp und vor allem - ohne viel Kontakt zu anderen Menschen. Deshalb schätzt sie ihre Arbeit als Reinigungskraft so sehr, weil sie mit den Schmutzverursachern so wenig wie möglich zu tun hat. Trotzdem weiß - oder glaubt zu wissen - erstaunlich viel über ihren getöteten Chef Dr. Bronstett. Deshalb ist sie auch nur mäßig überrascht, als er sie testamentarisch dazu beauftragt, sein Begräbnis zu organisieren. Bedauerlicherweise will da aber auch noch seine Tochter Amande - widerwillig aber doch - ein Wörtchen mitreden.
Es ist einfach so schön zu lesen, wie die Autorin die Protagonistin beschreibt. Leonora ist schrullig, zurückgezogen, menschenabgewandt, zutiefst genügsam, aber auch eine Person, die schwere Schicksalsschläge erlebt hat. So hat sie ihren Sohn früh an eine schwere Krankheit verloren, ein Ereignis, dass sie tief geprägt hat. Trotzdem war und ist sie immer noch äußerst pflichtbewusst und versucht, allen alles recht zu machen. Im Laufe der Geschichte finden wir heraus, dass Leonora viel wusste, aber auch viel intuitiv ahnte. Besonders schön fand ich, ihre Gedanken mitverfolgen zu können - sie sagt Dinge und führt sie im Gedanken weiter, ohne sie auszusprechen - wer kennt es nicht?
Gesamtheitlich betrachtet ist Leonoras Schicksal zutiefst traurig, aber die Autorin schafft es, sie so realistisch darzustellen, dass man erkennt: solch eine Geschichte gibt es Zuhauf, wir mögen nur nicht hinschauen. Hier gibt es das immer-wieder-auf-das-Geld-schauen-müssen, eine Genügsamkeit ohne den geringsten Funken an Neid, die nur Menschen kennen, die weit von Luxus entfernt sind und einen Schicksalsschlag, der durch gesellschaftliche Konventionen zu einer tiefen, unberechtigten Scham führen. Die Charakterzeichnung ist der Autorin einfach nur genial gelungen. Außerdem portraitiert sie die ehemalig wichtige Bedeutung der Lebenswelt eines Großkaufhauses in all seinen hierarchischen Aspekten.
Nebenher läuft die Aufklärung des Mordfalles, die wirklich nur eine Nebenrolle spielt. Der Mord wird geklärt und man mag dem Buch anlasten, dass diese Aufklärung konstruiert ist - dann verkennt man aber, dass es vordergründig nicht um das Tötungsdelikt geht - sondern um eine Alltagsheldin, die trotz Schicksalsschlägen immer an ihrem Verantwortungsbewusstsein festhält. Was "die Auster" damit zu tun hat: außer dass das Tier regelmäßig gegessen wird, gibt es viele Bezüge, die ihm und den handelnden Personen angelastet werden können.
Mein Fazit: "Die Auster" ist für mich zweifelsohne ein Highlight des diesjährigen Lesejahres, dass durch Tiefgründigkeit, hervorragende Menschenbeobachtung und schwarzem Humor besticht. Einen handelsüblichen Krimi darf man sich aber nicht erwarten, sondern ein gelungenes Gesellschaftsportrait, das lange nachhallt!