Hände weg vom treuen Händler

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ron_robert_rosenberg Avatar

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Ich mag schräge Bücher. Es sei denn, sie bekommen eine derart starke Schlagseite, dass sie mir aus dem Regal fallen.

Und wie habe ich mich da auf "Die Auster" von der laut Verlag Hanser Berlin "gefeierten Stilistin" Yael Inokai gefreut. Zitat zur Story: "Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Doch bis die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch alle Spuren beseitigt, so diskret und gründlich, wie sie schon seit 45 Jahren als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett jeder Form von Unordnung begegnet." Dann fehlen ihm auf unerklärliche Weise auch noch beide Hände. "Was ist denn da los?", mag man im ersten Augenblick denken. Doch Vorsicht! Wer einen saftigen Kriminalroman erwartet, in dem Ermittlungen und Täterpsyche à la Ingrid Noll im Vordergrund stehen, sollte lieber auf eine Handlung gefasst sein, deren Rahmen zwar ein Todesfall absteckt, die jedoch die Geschichte von Leonora Bloch, einer unscheinbaren Putzfrau mit Geheimnissen, in den Fokus rückt. Leonora ist ein Underdog. Inzwischen 73 Jahre alt und im Hinblick auf ihre Mitmenschen weise und unnachgiebig. Durch ihr arbeitssames Leben ist sie gewieft, aber bescheiden und äußerst zurückhaltend. Trotz ihrer Weitsicht, meinte es das Schicksal nicht gut mit ihr. Der Verlust der Mutter und in den Achtzigern der ihres Sohnes, der an den Folgen einer AIDS-Infektion verstarb, erschuf einen Panzer, der sie äußerlich funtkionieren ließ, aber der sie wie die Schale einer Auster von ihrer Außenwelt abschottete. Nun entdeckt sie also den verstümmelten, mausetoten Chef eines Lusxuskaufhauses und sogleich macht sie sich verdächtig, indem sie Spuren beseitigt. Irrational oder ist alles geplant?
Es reihen sich weitere Personen in die Handlung ein, und mit ihnen weitere Ungereimtheiten. Amande, die Tochter des Getöteten, Friedhelm, der schmierige Kaufhausdetektiv, Leonoras Freundin Ilkci und natürlich das Mordopfer in einer Rückschau selbst, Dr. Bronstett. Auf subtile Weise werden kleine, unscheinbare Fährten gelegt, oft in Nebensätzen verpackt, die jedoch am Ende der 224 Seiten zu ihrer bedeutsamen Geltung gelagen. Hier brilliert Inokai tatsächlich mit einem besonderen Scharfsinn. Ohne etwas von der Spannung zu nehmen, sei verraten, dass vielfältige Themen behandelt werden: Verlust und Trauer, die Frage nach Schuld, Leidenschaft, Erpressung und soziale Ausbeutung. Gerade Letzteres ist der Autorin ein zentrales Anliegen, immerhin zwingt sie Leonora in selbstgewählte prekäre Verhältnisse, um die soziale Ungerechtigkeit zu entlarven. Leonora nimmt nur, was ihr zusteht, stellt sich damit moralisch über ihre Peiniger. Sie ist eine Putzfrau, die übersehen wird und meistens unbeachtet, manchmal sogar verachtet bleibt. Sie selbst durchschaut diese gesellschatlichen Mechanismen und nutzt sie, um über die Runden zu kommen. Geschenkt haben möchte sie jedoch nichts. Mit ihrer Raffinesse kommt der Leser der Lösung auf die Spur, auch im Hinblick eines möglichen Seelenfriedens der tragenden Figuren. Die versteckten Hinweise treten ans Licht und komplettieren das Bild, wie sich alles zugetragen hat. Das ist großartig konstruiert.

Inokai hat an diesem Buch nach eigener Aussage jahrelang getüftelt und gefeilt; und diesen Fleiß neben der Konstruktionsfreude merkt man der Geschichte auch an. Kein Satz ist belanglos oder willkürlich. Viele scheinbar nur eingestreuten Elemente (wie die Katze, die so grau ist wie der Himmel) werden nicht nur einmal erwähnt. Es sind versteckte Hinweise, die Inokai oft repetetiv einsetzt.
Der Grundton ist von einem trockenen, aber rabenschwarzen Humor, der bereits mit dem Ausgangspunkt, einer Leiche ohne Hände, beginnt.

Fazit:
Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut, muss aber eingestehen, dass mich die merkwürdige Distanziertheit der Hauptfigur Leonora erst im letzten Drittel überzeugte. Häufig rätselte ich über Dialoge und Schauplätze, ohne dass ich diese zunächst mit dem Todesfall in Verbindung bringen konnte. Doch allmählich fügte es sich zusammen. Der Roman beinhaltet eine raffinierte Auflösung und wirft - wie zu erwarten - ein anderes Licht auf manche Figuren, auch auf Leonora. Das ist sehr gut geschrieben und offenbart eine Tiefe, die oft erst auf dem zweiten Blick erkennbar ist. Die distanzierte Schreibweise, die den Leser auf emotionalen Abstand zu Leonora gehen lässt, scheint gewollt. Die Protagonistin, eine Kämpferin der sozialen Unterschicht, ist eine zutiefst nachdenkliche Person, die mir als Leser ebenfalls noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Trotz Schrägheit wackelt nichts im Regal. Gerne mehr davon.