Kein Krimi ist oft besser!
Kein Krimi ist oft besser! Natürlich ist etwas passiert, ein Mord nämlich - so gehört es sich schließlich für einen 'richtigen Krimi' - aber in Yael Inokais neuem Roman "Die Auster" geht es in allererster Linie um das Zusammenspiel der Figuren mit ihren angedeuteten Geschichten, um ihre Leben und die Berührungspunkte ihrer Geschichten. Die über Siebzigjährige Leonora Bloch arbeitet seit vielen Jahren in einem Kaufhaus und findet eines Morgens den Geschäftsführer des Hauses, Dr. Bronstett, ermordet auf - die beiden Hände sind abgetrennt. Leonora folgt zunächst ihrer üblichen Routine und reinigt alles rund um den Toten. Am Rande geht es natürlich auch um die Täterfrage und die Frage nach einem schlüssigen Motiv; eine Kommissarin ermittelt; aber eigentlich steht im Mittelpunkt der Mikrokosmos 'Kaufhaus' - als Sinnbild unserer Gesellschaft mit ihren kapitalismustypischen Statusunterschieden. Und die Innenwelten, vor allem die von Leonora, die ihre Gewohnheiten und ihre Schweigsamkeit braucht, um nicht an ein traumatisches Ereignis ihrer Vergangenheit denken zu müssen. So weist der Titel "Die Auster" nicht nur auf den Fundort einer der abgetrennten Hände hin - die Fischkühltheke im Kaufhaus - sondern auch auf das Schweigen der Figuren, die jede für sich genommen, viel zu erzählen hätten. Ein stiller, atmosphärisch sehr dichter Roman, der ohne große 'Aufreger' auskommt. Empfehlung!