Konnte mich leider nicht restlos überzeugen
Der Mann, dessen Haus Leonora seit Jahrzehnten putzt, ist tot. Ermordet, in seinem Bademantel, bei sich zu Hause. Seine Hände fehlen, an der Brotschneidemaschine ist Blut. Beziehungsweise war da Blut, denn Leonora hat sich von der Leiche nicht von ihrer Arbeit abhalten lassen, und hat erst «erst mal ein bisschen sauber gemacht» (S. 8 - e-book).
So beginnt ”Die Auster”, der neue Roman von Yael Inokai. Es ist ein skurriler Roman, Leonora eine Art missmutige Miss Marple, die eigentlich am liebsten ihre Ruhe hätte, aber deren Pflichtbewusstheit und die Tatsache, dass sie nicht viel Geld hat, dazu führen, dass sie sich im Zentrum dieses Mordfalls befindet. Gemeinsam mit der Tochter des Toten, dem Geschäftsführer eines Einkaufszentrums, organisiert sie die Beerdigung ihres ehemaligen Chefs und Arbeitgebers. Sie tut, was zu tun ist und freut sich auf besonders süße Teilchen vom Bäcker.
Nach und nach dröselt sich nicht nur der Mordfall auf, sondern es fällt auch die Mauer, die Leonora um sich gezogen hat. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren werden Stück für Stück aufgedeckt, die Geschichte von Leonora nach und nach erzählt. Bis irgendwann alles ein Großes und Ganzes ergibt, wobei nicht klar ist, was Wirklichkeit und was Leonoras Vorliebe für Krimis geschuldet ist.
Yael Inokai hat mit “Die Auster” einen Roman geschrieben, der seinem Vorgänger “Ein simpler Eingriff” sprachlich in nichts nachsteht. Es macht Spaß, Leonoras Überlegungen und ihrem nicht mehr alltäglichen Alltag zu folgen und es ist leicht, in die Geschichte zu finden. Die Figuren sind mehrdimensional, haben eigene Schicksale und Geschichten, sind liebenswürdig und fehlerhaft.
Allerdings kommt “Die Auster” für mich nicht an “Ein simpler Eingriff” heran, was hauptsächlich der Tatsache geschuldet ist, dass ich bis zuletzt nicht verstanden habe, ob ich einen Krimi lese oder nicht. Ich bin kein Krimifan, insofern hat es mir nichts ausgemacht, dass diese Handlungsebene zeitweise in den Hintergrund gerückt ist. Allerdings gab es davon abgesehen auch wenig Handlung. Es wurde vieles angeschnitten, aber nichts zu Ende gebracht. Und auch die Auflösung des Mordfalles war für mich nur wenig überzeugend.
Für mich hat “Die Auster” großes Potential, das jedoch nicht ausgeschöpft wurde. Einen ganz großen Pluspunkt möchte ich aber noch erwähnen: es gibt, wie in “Ein simpler Eingriff” auch schon, einige queere Personen, die nicht auf ihr Queer-sein beschränkt werden.