Leise Literatur statt rasanter Krimi

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majca_ Avatar

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Für einen Moment glaubte sie, es sei die eigene Mutter. Sie war ihr überall begegnet in den Monaten nach ihrem Tod, jedes Mal versenkte es einen Stein in ihr. Leicht hatte sie sich sonst gefühlt, das Gewicht der Liebe von sich genommen. Diese Liebe, die sie als Mutter auch selbst empfand, die nicht loszuwerden war, für die sie ihren Sohn, der ihr diese Liebe zumutete, manchmal geohrfeigt hatte.


4.5 ★
Ich mochte dieses Buch wirklich gern, vor allem wegen seiner Erzählweise.

Der Schreibstil ist ruhig, fein und beobachtend. Vieles erschließt sich über kleine, alltägliche Handlungen und Wahrnehmungen, statt durch Erklärungen oder Einordnungen. Das Buch vertraut darauf, dass seine Leser:innen Zusammenhänge selbst erkennen und sich die Figuren und ihre Beweggründe nach und nach erschließen.

Auch Leonora mochte ich als Protagonistin. Sie ist keine Figur, die sich leicht öffnet, weder anderen noch der Leserin. Und trotzdem entsteht nach und nach ein roher und zugleich zärtlicher Blick in ihr Leben.

Genau darin liegt für mich auch die größte Stärke des Romans. Unaufgeregt, aber eindringlich entfaltet er eine melancholische Atmosphäre, in der Themen wie Verlust und Versöhnung, Einsamkeit und Nähe, das Älterwerden, ein Leben voller körperlicher Arbeit und eine leise, aber deutliche Gesellschaftskritik zusammenkommen. In ihr schwingen mal Frustration und Traurigkeit mit, aber vor allem immer Ruhr und Zärtlichkeit, und eine stille Akzeptanz.

So ergibt sich, dass der Mordfall zwar die Handlung in Gang setzt, aber nicht das eigentliche Zentrum des Romans bildet. Gleiches gilt für das Kaufhaus als Schauplatz, weshalb der Klappentext etwas irreführend sein kann.

Ein kleines Manko ist für mich das Ende. Die Auflösung des Mordfalls findet größtenteils off screen statt und die Verhaftung selbst erfolgt wortwörtlich im Sprint an der Protagonistin vorbei. Danach folgt ein thematisch stimmiger Abschluss, der gut zur offenen Erzählweise des Romans passt, insgesamt wirkte das Ende auf mich aber etwas zu abrupt. Ich hätte mir zwei drei Seiten mehr gewünscht, um die Auswirkungen der Ereignisse gemeinsam mit den Figuren noch etwas nachklingen zu lassen.

Insgesamt eine einfühlsame, nachdenkliche Geschichte, die durch eine authentische Protagonistin und melancholischer Atmosphäre besticht.