Leonora Blochs Geheimnisse

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juma Avatar

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Zuerst: mir hat der Roman, den der Hanser Verlag als Kriminalgeschichte ankündigt, sehr gefallen. Beim Lesen stellte sich ein Vergleich ein, ich erinnerte mich an George Simenons Kriminalromane, die still und leise, aber mit höchster Aufmerksamkeit, das Milieu und die Protagonisten charakterisieren und in ein mattes Licht tauchen. Das tut Yael Inokai auf eine ganz ungewohnt pragmatische Art auch. Sie lässt ihren Roman mit einem Mord beginnen und beginnt damit die Erzählung eine ganzen Lebensgeschichte.
Was passiert? Leonora Bloch, 74, Rentnerin mit Miniputzjob, entdeckt ihren privaten Arbeitgeber Dr. Bronstett tot, ohne Hände, in einer riesigen Blutlache in seiner Küche. Ihr Job ist Putzen, also putzt sie. Der Schock kommt erst später. Auch der der Polizisten, die sich einem blitzblanken Tatort gegenübersehen. Aber, wie das so ist, irgendetwas bleibt immer übrig. Und seien es die Gedanken. Leonoras Arbeitgeber war der Tote auch schon zu früheren Zeiten, er war bis zu seinem gewaltsamen Tode Geschäftsführer des größten und schönsten Kaufhauses in Berlin am Tauentzien. Ja, es gibt dort nur eins, das berühmte KdW wird aber nie mit Namen genannt. Es war jedenfalls auch für viele Jahre die Arbeitsstätte von Leonora wie auch für Dr. Bronstett, sie kennt das Kaufhaus wie ihre Einkaufstasche, die Angestellten, so sie noch da sind, ebenso. Besonders gut kennt sie den Kaufhausdetektiv Friedhelm, beide sind eng befreundet, Friedhelm ist schwul, aber nicht besonders detektivisch veranlagt. Trotzdem kommt er im Laufe der Handlung auch an Insiderwissen, das zumindest Leonora hilft, sich einen Reim auf manches zu machen. Als eine der Hände in der Feinkostabteilung im Eis zwischen frischen Fischen gefunden wird, ist das Spektakel riesig, bringt aber die Polizei noch nicht so recht weiter. Auch die ehemaligen Kolleginnen sind bei der Mördersuche nicht sehr hilfreich, nur Leonoras liebste Freundin Ilcsi hat da ein paar Geheimnisse, die sie nicht gern preisgibt.
Leonora indes denkt und denkt, erinnert sich an all die verflossenen Lebensjahre, an ihren toten Sohn, an ihren Ex-Liebhaber und Zahnarzt, an die Veränderungen der Verkaufskultur, an gute Zeiten und schlechte. Zwischendurch wird sie von der Tochter des Mordopfers zur Helferin in Beerdigungsfragen auserkoren, die kleinen Scharmützel, die ausgetragen werden, befeuerten meine Gehirnzellen beim Lesen ebenso, wie die Ausflüge ins ach so vertraute KdW, in die unvergleichliche „Fressetage“, beim Slalomlauf zwischen den Rolltreppen oder beim Gang vor die Tür für eine Zigarette. Ich ließ mich von Erinnerungen tragen und versuchte, wie Leonora, hinter das Geheimnis dieses abscheulichen Mordes zu kommen.
Die Autorin formuliert so herrliche Sätze, einen möchte ich zitieren, er beschreibt perfekt die Tochter des Ermordeten: „Sie band sich die Schnürsenkel ihrer Stiefel, Öse um Öse, nicht tot hätte man sie mit einem Modell erwischt, das auf der Seite auch noch einen Reißverschluss hatte.“
So viel sei verraten, es wird sich alles aufklären, zumindest für Leonora und den Leser. Mich hat das Buch sehr gut unterhalten, kein Slapstick, kein Cosy Crime, sondern teils sehr berührende Momente, ich empfehle sehr, dieses Buch zu lesen. Für mich jedenfalls eine schöne Erinnerung an meine Heimat Berlin und ein Blick in ein Lebensumfeld, wie ich es trotzdem nicht kannte, obwohl ich nur fünf Minuten vom KdW entfernt jahrelang gearbeitet habe.
Das Cover wird auf dem Ladentisch bestimmt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, der Blick in Luxuswelt des Kaufhauses, ein schönes Blau, schon nah am Himmel.
Zum Schluss denkt Leonora an „ihre erste Auster, weil sich jeder an seine allererste Auster erinnerte.“ Die Auster könnte aber auch das Synonym für sie sein, die wie eine Auster ihre Perlen nicht freiwillig zeigt.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.