Mehr Gesellschaftsstudie als Kriminalroman

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Leonora Bloch ist 73 Jahre alt und muss ihre Rente mit Putzjobs aufbessern, obwohl sie ihr ganzes Leben als Aushilfe in einem luxuriösen Kaufhaus und als Reinigungskraft gearbeitet hat. Für Dr. Bronstedt, den Geschäftsführer des Kaufhauses, arbeitet Leonora bereits seit über 40 Jahren auch privat. Doch dieses Mal findet sie seine Leiche in einer Blutlache auf dem Boden. Bevor sie allerdings die Polizei verständigt, erledigt sie erst einmal ihren Job und putzt gründlich. Dass sie sich damit verdächtig macht, versteht sich von selbst.
Nach diesem Auftakt könnte man einen eher skurrilen, vielleicht sogar etwas anspruchsloseren Kriminalroman erwarten. Doch man würde schnell eines Besseren belehrt. Auf gerade einmal 224 Seiten entwirft die Autorin eine präzise Charakter- und Sozialstudie in ausgesprochen geschliffener Sprache, während die Auflösung des Verbrechens zunehmend in den Hintergrund tritt.
Leonora ist eine Antiheldin, deren Leben sich zu großen Teilen im Schatten von Luxus und Reichtum abgespielt hat. Selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, war sie mit den Herausforderungen als alleinerziehende Mutter eines Sohnes oft überfordert. Über seinen frühen und grausamen Tod infolge einer AIDS-Erkrankung ist Leonora nie hinweggekommen; bis heute schafft sie es nicht, die Todesursache auszusprechen. Enge soziale Beziehungen meidet sie. Nur wenige Menschen aus dem Kaufhauskontext lässt sie notgedrungen näher an sich heran.
Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, die vom Luxus um sie herum geblendet sind und von einem besseren Leben träumen, hatte Leonora nie Illusionen. Sie wollte auch nie etwas geschenkt haben. Als aufmerksame Beobachterin, über die gerne hinweggesehen wird, bekommt sie vieles mit und zieht mit ihrem scharfen Verstand die richtigen Schlüsse.
Die Diskrepanz zwischen Leonoras Leben und der Dekadenz des Kaufhauses, das selbst längst im Niedergang begriffen ist, könnte kaum größer sein. Besonders deutlich wird das, als die befehlsgewohnte Tochter ihres verstorbenen Arbeitgebers Leonora anlässlich der Beisetzung ganz selbstverständlich wie eine Dienstbotin herumkommandiert und sie als persönliche Assistentin mit Arbeitsaufträgen durch die Stadt schickt – obwohl zwischen den beiden keinerlei persönliche Beziehung besteht.
Der Mordfall bildet letztlich nur den Rahmen für eine wesentlich umfassendere Betrachtung gesellschaftlicher Verhältnisse. Dabei gelingt es der Autorin, soziale Unterschiede und Abhängigkeiten zu zeigen, ohne daraus eine vordergründige Anklage zu machen. Gerade die knappe Form und die präzise, stellenweise sehr lakonische Sprache verleihen dem Roman seine besondere Wirkung.
Wer zuvor „Ein simpler Eingriff“ gelesen hat, sollte seine Erwartungen allerdings nicht ohne Weiteres auf diesen Roman übertragen. „Die Auster“ ist deutlich leichter und stellenweise geradezu skurril angelegt. Leserinnen und Leser, die eine ähnlich ernsthafte Lektüre erwarten, könnten daher enttäuscht sein.
Wer sich hingegen auf den ungewöhnlichen Ton und die gesellschaftlichen Zwischentöne einlässt, findet eine unterhaltsame, sprachlich bemerkenswerte und zugleich durchaus hintergründige Lektüre. Der Kriminalfall selbst steht dabei weniger im Mittelpunkt als die Menschen und sozialen Verhältnisse, die sich hinter ihm zeigen.