Milieustudie und Krimi rund um ein Berliner Edelkaufhaus
Dr. Bronstett ist tot. Gefunden hat ihn seine treue 73-jährige Putzfrau Leonora Bloch. Geschockt und routiniert greift sie sofort zum Putzeimer, entfernt alle Spuren, das Blut und die hässlichen Fußtapfer. Man kann es kaum glauben, nimmt ihr ihre Unschuldsbeteuerungen aber ab. Leonora putzt seit Jahrzehnten beim Kaufhauschef Bronstett, nicht nur privat, sondern mit Unterbrechungen auch im Geschäft. Sie hatten nie ein vertrautes Verhältnis, die Putzfrau und ihr Chef, dennoch waren sie sich vertraut, denn sie litten beide unter Trauer und Einsamkeit. Sie kannten die Dämonen des jeweils anderen.
Was als Krimi beginnt, ändert seinen Fokus schnell zu einem Gesellschaftsroman in Richtung Milieustudie rund um ein Berliner Edelkaufhaus, in dem bei weitem nicht alles so sauber und elegant ist, wie es die Fassade suggeriert. Dr. Bronstett und Leonora Bloch sind beide Angestellte, stehen aber auf der Gehalts- und Hierarchieliste weit auseinander. Bronstett hat sich einen luxuriösen Glaspalast als Wohnhaus errichtet, dessen Fußbodenheizung bis zur Garagenauffahrt geht. Bloch lebt am Existenzminimum, verabscheut Almosen und wärmt sich mit einem verschlissenen Kaschmirpullover. Beiden ist gemein, dass sie ein erwachsenes Kind auf tragische Weise verloren haben – eine Tatsache, die verbindet.
Im Verlauf des Romans wird so manches Geheimnis aus Bronstetts Lebenslauf aufgedeckt, das Raum für Mordverdächtigungen schafft. Die personale Erzählperspektive Leonoras bringt es mit sich, dass wir alles, was passiert, mit ihren Augen sehen. Sie ist eine hervorragende Beobachterin, die sich nach außen gern einfältig gibt, obwohl sie über einen messerscharfen Verstand verfügt. Sie wird gerne übersehen und freut sich insgeheim über diese Unsichtbarkeit. Mit Kaufhausdetektiv Friedhelm Lösch verbindet sie eine langjährige Freundschaft, auch er kannte ihren Sohn Sebastian. Leonora gelingt es, nach Bronstetts Tod wieder im Kaufhaus anzuheuern. Nebenbei organisiert sie die Beerdigung ihres Chefs, dessen Tochter Amande für zusätzlichen Wirbel sorgt.
Hinter dem offensichtlichen Krimi-Plot entwickelt sich eine Sozial- und Gesellschaftsstudie, die sich aus Leonoras kritischen und zum großen Teil ungesagten Gedanken speist. Sie beschäftigt sich nicht nur pragmatisch mit der Gegenwart, sondern auch mit den Versäumnissen der Vergangenheit, so dass man sie immer besser kennenlernt. Sohn Sebastian ist eine offene Wunde für Leonora, die sie seit Jahren mit Reue und Scham erfüllt. Ähnliches gilt für das Verhältnis zu ihrer Mutter, und auch der ermordete Chef spielt eine Rolle. So reich war er, trotzdem starb er als unglückliches Mordopfer.
Yael Inokai verfügt über ein großartiges Sprachgefühl. Der Text wirkt auf den ersten Blick leicht zugänglich. Doch man muss sehr aufmerksam lesen. wenn man alle ausgelegten Fährten verfolgen und die Handlungsstränge komplett erfassen will. Kein Satz ist überflüssig, Informationen und Hinweise verstecken sich wie Leonora hinter dem Offensichtlichen.
Die Figuren stehen eindeutig im Mittelpunkt der Geschichte. Leonoras Perspektive bringt eine beobachtende, distanzierte Haltung mit sich. Die Protagonistin nimmt die Dinge, wie sie kommen, sie bemitleidet niemanden und ist trotzdem nicht gefühllos. An manchen Stellen lässt die Autorin zynischen Humor einfließen, der die melancholische Grundstimmung auflockert.
Am Ende stellt man fest, dass Yael Inokai das literarische Puzzle perfekt konzipiert hat. Der Roman begeistert all jene, die keinen klassischen Krimi mit stringenter Tätersuche erwarten. Es gibt am Ende zwar eine raffinierte Auflösung des Mordfalles. Im Mittelpunkt steht aber Leonora in ihrer Welt der unsichtbaren, dienstbaren Geister, in der Freundschaft und Loyalität noch einen Wert haben.
Ein Buch ideal für Lesekreise, Buchclubs und Diskussionsrunden.
Dringende Leseempfehlung!
Was als Krimi beginnt, ändert seinen Fokus schnell zu einem Gesellschaftsroman in Richtung Milieustudie rund um ein Berliner Edelkaufhaus, in dem bei weitem nicht alles so sauber und elegant ist, wie es die Fassade suggeriert. Dr. Bronstett und Leonora Bloch sind beide Angestellte, stehen aber auf der Gehalts- und Hierarchieliste weit auseinander. Bronstett hat sich einen luxuriösen Glaspalast als Wohnhaus errichtet, dessen Fußbodenheizung bis zur Garagenauffahrt geht. Bloch lebt am Existenzminimum, verabscheut Almosen und wärmt sich mit einem verschlissenen Kaschmirpullover. Beiden ist gemein, dass sie ein erwachsenes Kind auf tragische Weise verloren haben – eine Tatsache, die verbindet.
Im Verlauf des Romans wird so manches Geheimnis aus Bronstetts Lebenslauf aufgedeckt, das Raum für Mordverdächtigungen schafft. Die personale Erzählperspektive Leonoras bringt es mit sich, dass wir alles, was passiert, mit ihren Augen sehen. Sie ist eine hervorragende Beobachterin, die sich nach außen gern einfältig gibt, obwohl sie über einen messerscharfen Verstand verfügt. Sie wird gerne übersehen und freut sich insgeheim über diese Unsichtbarkeit. Mit Kaufhausdetektiv Friedhelm Lösch verbindet sie eine langjährige Freundschaft, auch er kannte ihren Sohn Sebastian. Leonora gelingt es, nach Bronstetts Tod wieder im Kaufhaus anzuheuern. Nebenbei organisiert sie die Beerdigung ihres Chefs, dessen Tochter Amande für zusätzlichen Wirbel sorgt.
Hinter dem offensichtlichen Krimi-Plot entwickelt sich eine Sozial- und Gesellschaftsstudie, die sich aus Leonoras kritischen und zum großen Teil ungesagten Gedanken speist. Sie beschäftigt sich nicht nur pragmatisch mit der Gegenwart, sondern auch mit den Versäumnissen der Vergangenheit, so dass man sie immer besser kennenlernt. Sohn Sebastian ist eine offene Wunde für Leonora, die sie seit Jahren mit Reue und Scham erfüllt. Ähnliches gilt für das Verhältnis zu ihrer Mutter, und auch der ermordete Chef spielt eine Rolle. So reich war er, trotzdem starb er als unglückliches Mordopfer.
Yael Inokai verfügt über ein großartiges Sprachgefühl. Der Text wirkt auf den ersten Blick leicht zugänglich. Doch man muss sehr aufmerksam lesen. wenn man alle ausgelegten Fährten verfolgen und die Handlungsstränge komplett erfassen will. Kein Satz ist überflüssig, Informationen und Hinweise verstecken sich wie Leonora hinter dem Offensichtlichen.
Die Figuren stehen eindeutig im Mittelpunkt der Geschichte. Leonoras Perspektive bringt eine beobachtende, distanzierte Haltung mit sich. Die Protagonistin nimmt die Dinge, wie sie kommen, sie bemitleidet niemanden und ist trotzdem nicht gefühllos. An manchen Stellen lässt die Autorin zynischen Humor einfließen, der die melancholische Grundstimmung auflockert.
Am Ende stellt man fest, dass Yael Inokai das literarische Puzzle perfekt konzipiert hat. Der Roman begeistert all jene, die keinen klassischen Krimi mit stringenter Tätersuche erwarten. Es gibt am Ende zwar eine raffinierte Auflösung des Mordfalles. Im Mittelpunkt steht aber Leonora in ihrer Welt der unsichtbaren, dienstbaren Geister, in der Freundschaft und Loyalität noch einen Wert haben.
Ein Buch ideal für Lesekreise, Buchclubs und Diskussionsrunden.
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