Mit den Augen einer Putzkraft
Es ist ein kalter Januartag in Berlin, als Dr. Joachim Bronstett, Geschäftsführer eines noblen Kaufhauses, tot in seinem Haus im Stadtteil Grunewald liegt, gewaltsam umgekommen. Leonora Bloch (73), seit etwa 40 Jahren in seinen Diensten, findet seine makaber zugerichtete Leiche. Die Putzkraft verständigt die Polizei. Jedoch nicht, ohne vorher gewissenhaft Blut und Dreck wegzuwischen…
„Die Auster“ ist ein Roman von Yael Inokai.
Was sich vordergründig bloß nach einer klassischen Kriminalgeschichte anhört, entpuppt sich schon bald auch als faszinierende Sozialstudie. Es geht um Altersarmut und Konsumkritik, um Trauer und Verlust, um Einsamkeit und soziale Ausgrenzung, um Geheimnisse und Gier. Die Frage nach dem Mörder gerät angesichts dieser Themen bisweilen sogar ein wenig ins Hintertreffen.
Erzählt wird die Geschichte in 30 Kapiteln und in chronologischer Reihenfolge, ausschließlich in personaler Perspektive aus der Sicht von Leonora. Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, fast schon eine Antiheldin. An ihren Gedanken und Gefühlen können wir direkt teilhaben. Dennoch entfaltet sich ihre Lebensgeschichte erst Stück für Stück.
Leonora lebt alleine, steht am Rand der Gesellschaft und hält sich gerne im Hintergrund. Sie hat aber ein gutes Gespür und eine tolle Beobachtungsgabe, bekommt einiges mit und kann sich viel allmählich zusammenreimen. Sie ist zwar keine Hobbydetektiv, sondern zurückhaltend und eher unwillig, sich weiter mit Bronstetts Ableben zu beschäftigen. Beinahe beiläufig erhält sie dennoch häppchenweise neue Informationen und wird damit für die Polizei zu einer vielversprechenden Tippgeberin.
Angenehm unaufgeregt kommt der Roman mit seinen nur wenig mehr als 200 Seiten daher. Zwar hält die Geschichte wie ein typischer Krimi durchaus Überraschungen, falsche Fährten und kreative Wendungen bereit. Sie verzichtet aber auf das hohe Tempo von Spannungsromanen. Wer darüber hinwegsehen kann, dass die Zusammenhänge etwas konstruiert erscheinen, wird sich auch mit der Auflösung, die nicht leicht vorhersehbar ist, anfreunden können.
Der Text ist gespickt mit Symbolik, wiederkehrenden Motiven und geschickt platzierten Details, die zum Teil nur durch aufmerksames Lesen ersichtlich werden. Die dichte Sprache des Romans schafft überdies immer wieder starke Bilder.
Dass die Auster, die nicht nur im wörtlichen Sinne mehrfach auftaucht, sondern auch im Metaphorischen für die verschlossene Protagonistin Leonora stehen kann, titelgebend ist, ist daher nur folgerichtig. Zur Geschichte passt auch das impressionistische Covermotiv, das einem Gemälde des Künstlers Alson Skinner Clark nachempfunden ist und eine Szene in einem Kaufhaus erkennen lässt.
Mein Fazit:
Mit „Die Auster“ ist Yael Inokai ein Roman gelungen, der von sprachlicher, kompositorischer und inhaltlicher Raffinesse zeugt. Ein Buch, das mich neugierig auf die früheren Werke der Autorin gemacht hat. Definitiv empfehlenswert!
„Die Auster“ ist ein Roman von Yael Inokai.
Was sich vordergründig bloß nach einer klassischen Kriminalgeschichte anhört, entpuppt sich schon bald auch als faszinierende Sozialstudie. Es geht um Altersarmut und Konsumkritik, um Trauer und Verlust, um Einsamkeit und soziale Ausgrenzung, um Geheimnisse und Gier. Die Frage nach dem Mörder gerät angesichts dieser Themen bisweilen sogar ein wenig ins Hintertreffen.
Erzählt wird die Geschichte in 30 Kapiteln und in chronologischer Reihenfolge, ausschließlich in personaler Perspektive aus der Sicht von Leonora. Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, fast schon eine Antiheldin. An ihren Gedanken und Gefühlen können wir direkt teilhaben. Dennoch entfaltet sich ihre Lebensgeschichte erst Stück für Stück.
Leonora lebt alleine, steht am Rand der Gesellschaft und hält sich gerne im Hintergrund. Sie hat aber ein gutes Gespür und eine tolle Beobachtungsgabe, bekommt einiges mit und kann sich viel allmählich zusammenreimen. Sie ist zwar keine Hobbydetektiv, sondern zurückhaltend und eher unwillig, sich weiter mit Bronstetts Ableben zu beschäftigen. Beinahe beiläufig erhält sie dennoch häppchenweise neue Informationen und wird damit für die Polizei zu einer vielversprechenden Tippgeberin.
Angenehm unaufgeregt kommt der Roman mit seinen nur wenig mehr als 200 Seiten daher. Zwar hält die Geschichte wie ein typischer Krimi durchaus Überraschungen, falsche Fährten und kreative Wendungen bereit. Sie verzichtet aber auf das hohe Tempo von Spannungsromanen. Wer darüber hinwegsehen kann, dass die Zusammenhänge etwas konstruiert erscheinen, wird sich auch mit der Auflösung, die nicht leicht vorhersehbar ist, anfreunden können.
Der Text ist gespickt mit Symbolik, wiederkehrenden Motiven und geschickt platzierten Details, die zum Teil nur durch aufmerksames Lesen ersichtlich werden. Die dichte Sprache des Romans schafft überdies immer wieder starke Bilder.
Dass die Auster, die nicht nur im wörtlichen Sinne mehrfach auftaucht, sondern auch im Metaphorischen für die verschlossene Protagonistin Leonora stehen kann, titelgebend ist, ist daher nur folgerichtig. Zur Geschichte passt auch das impressionistische Covermotiv, das einem Gemälde des Künstlers Alson Skinner Clark nachempfunden ist und eine Szene in einem Kaufhaus erkennen lässt.
Mein Fazit:
Mit „Die Auster“ ist Yael Inokai ein Roman gelungen, der von sprachlicher, kompositorischer und inhaltlicher Raffinesse zeugt. Ein Buch, das mich neugierig auf die früheren Werke der Autorin gemacht hat. Definitiv empfehlenswert!