Wenig überzeugende Genre - Mischung
Als die 73jährige Putzfrau Leonora Bach morgens das Haus von Dr. Bronstett betritt, merkt sie sogleich, dass etwas anders ist als sonst. Und sie findet dann auch ihren langjährigen Arbeitgeber tot und ohne Hände neben dem Couchtisch. Leonora macht nun wie üblich erstmal alles gründlich sauber, bereinigt sämtliche Blutspuren, bevor sie die Polizei anruft. So etwas macht sie natürlich in den Augen der Ermittler verdächtig.
Das ist die Ausgangssituation und wir begleiten nun die Protagonistin bis zur Beerdigung des Opfers und der Auflösung des Falles, zu dem Leonora Wesentliches beiträgt.
Dabei erfahren wir so einiges aus dem Leben der eigenwilligen Figur .
Über vierzig Jahre hat sie bei Dr. Bronstett privat geputzt. Nahegekommen sind sich die beiden dabei kaum . Zwischen ihnen stand nicht nur der gesellschaftliche Abstand - hier der reiche Dr. Bronstett in seiner Nobelvilla, da die arme Putzfrau, deren Rente kaum zum Überleben reicht. Außerdem war der Verstorbene zugleich Geschäftsführer des renommierten Luxus-Kaufhauses, in dem Leonora immer wieder als Aushilfe tätig war. Trotzdem gab es eine Gemeinsamkeit, die Verbindung hätte schaffen können. Beide, sowohl Leonora als auch Dr. Bronstett, haben ein Kind verloren und beide wollen nicht darüber reden.
Leonora ist eine Frau, die gerne übersehen wird, unscheinbar, unnahbar, dabei eine genaue Beobachterin. „Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“
In diesem Zitat klingt das eigentliche Thema des Romans an, nämlich den Blick auf diejenigen zu lenken, die still und unbemerkt ihre Arbeit erledigen, sich wenig leisten können und am Rande der Gesellschaft leben. Der Kontrast zu ihr findet sich nicht nur im Leben ihres früheren Chefs, sondern vor allem in dem Luxuskaufhaus, das dem Berliner KaDeWe nachempfunden ist. Ein Ort, der die Erfüllung aller Träume verspricht, hinter dessen exquisiter Fassade sich aber miese Arbeitsbedingungen und wenig Lohn für die Beschäftigten verbergen. Yael Inokai illustriert den Alltag im Kaufhaus in atmosphärischen Szenen, die alle Sinne ansprechen und anhand verschiedener Figuren.
Die titelgebende Auster steht hier für elitären Luxus, zugleich aber auch für die Verschlossenheit mancher Figuren, allen voran Leonora, die sich einen richtigen Panzer zugelegt hat. Tief in sich vergraben ist die Trauer um den Verlust ihres Sohnes. Ohne ihn steht sie nun völlig alleine da. „Familie war ein genau abgestecktes Feld, zu dem sie die meiste Zeit ihres Lebens ohnehin keinen Zutritt hatte.“ Das Verhältnis zur Mutter war lebenslang ein angespanntes, vom Vater ihres Sohnes erfahren wir nichts.
Die Schweizer Autorin lebt seit einigen Jahren in Berlin und sie zeichnet ein wenig einnehmendes Bild von dieser Stadt: „Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie ihre Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ Berlin sei eine Stadt voller einsamer Menschen, doch„…wo könne man denn besser niemanden haben als in Berlin.“
Diese beiden Zitate zeigen den Witz und den leichten Spott, mit der die Autorin manches betrachtet. Ansonsten ist die Sprache nüchtern und scharf beobachtend, passend zur Hauptfigur, aus deren Perspektive wir alles lesen. Die Erzählung fließt ruhig dahin, dabei sollte der Lesende aufpassen, dass ihm kein Detail entgeht. Manches wird erst in der Rückschau deutlich oder beim zweiten Lesen.
Obwohl ich positive Ansätze in dem Text finden kann, bin ich nicht glücklich geworden mit ihm.
Sicher, der Roman soll und will kein Krimi sein, auch wenn ein Verbrechen Ausgangspunkt der Geschichte ist. Aber auch wenn man nur mit den Elementen des Kriminalromans spielt, sollte man das Genre ernst nehmen und auf Plausibilität achten. Hier ist einfach vieles an der Krimihandlung zu abstrus und zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein . Auf Beispiele verzichte ich hier, um nicht zu spoilern.
Ich frage mich, warum die Autorin überhaupt ein Verbrechen und seine Auflösung für ihren Roman gebraucht hat. Als Sozialstudie und als Psychogramm einer älteren, armen und einsamen Frau hat mich das Buch einigermaßen überzeugen können. Auch wenn sich weitere Ungereimtheiten in der Geschichte finden lassen.
Ein Beispiel: Mag man noch akzeptieren, dass Leonora kurz nach dem Tod ihres Sohnes eine Affäre mit einem jüngeren Zahnarzt beginnt - auch wenn das nicht zur Figur selbst passt - so erscheint es wenig realistisch, dass ein Zahnarzt eine Beziehung zu einer älteren Putzfrau unterhält. Zumindest hätte man gerne gewusst, wie es dazu kam. Im übrigen hätte es diese Figur überhaupt nicht gebraucht.
So ist „Die Auster“ für mich nur ein mäßig überzeugender Roman über Alter und Einsamkeit, über Klassenunterschiede, über Glanz und Elend.