Wer putzt die Spuren des Luxus weg?
In "Die Auster" erzählt Yael Inokai keinen klassischen Kriminalroman. Der Mord an einem Kaufhausdirektor bildet vielmehr den Ausgangspunkt für einen leisen Roman über Arbeit, Würde und die Menschen, die hinter glänzenden Fassaden meist unsichtbar bleiben. Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch, die seit Jahrzehnten Teil des Kaufhauses ist und dessen verborgene Seiten besser kennt als jede andere.
Shoutout für den gelungenen Blick auf die Unsichtbarkeit von Care- und Reinigungsarbeit. Leonora bewegt sich täglich durch eine Welt des Luxus, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Die Autorin zeigt auf, wie selbstverständlich Menschen übersehen werden, deren Arbeit den Alltag überhaupt erst möglich macht und hält uns sozusagen ein Spiegel vors Gesicht. Das bringt sie für mich in diesem Satz auf den Punkt: „Lange bevor Automaten ihren Job obsolet machen würden, behandelte man sie da bereits wie einen.“ (S. 142).
Sprachlich überzeugt Inokai mit einem präzisen, ruhigen Stil, der von feinen Beobachtungen lebt. Immer wieder entstehen plastische Bilder im Kopf, die mich zum Nachdenken angeregt haben, etwa wenn Leonora sich wünscht: „Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch … frei von Mord und Totschlag …“ (S. 114). Darin verdichtet sich für mich die Erschöpfung einer Frau, die ihr Leben lang die Lasten anderer mitgetragen hat.
Trotz dieser starken Motive blieb der Roman für mich aber insgesamt leider hinter meinen Erwartungen zurück. Der Klappentext verspricht einen Mord und zahlreiche Geheimnisse, wodurch ich deutlich mehr Spannung erwartet hatte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte sehr langsam und konzentriert sich stärker auf Stimmungen und Figuren als auf den Kriminalfall. Das ist eine bewusste literarische Entscheidung, ließ die Handlung für mich aber stellenweise eher vor sich hinplätschern. Gerade die erhofften Aha-Momente oder überraschenden Wendungen hab ich vergeblich gesucht. Ich glaube in dem Fall liegt die Stärke des Romans weniger im Krimi als in seiner Gesellschaftsanalyse.
Fazit
"Die Auster" ist ein leiser, literarischer Roman über Unsichtbarkeit, Arbeit und Würde, dessen gesellschaftskritische Beobachtungen mich überzeugt haben. Wer jedoch (wie ich) aufgrund des Krimiplots mehr Spannung erwartet, könnte etwas enttäuscht sein. Für Leser:innen, die ruhige, sprachlich elegante Gegenwartsliteratur mit sozialem Blick schätzen, ist das Buch dennoch einen Blick wert. Mich haben vor allem die Themen begeistert; die Geschichte selbst konnte dieses Potenzial für mich jedoch nicht ganz ausschöpfen. Wer den Roman als literarische Gesellschaftsstudie liest und keinen spannungsgetriebenen Krimi erwartet, wird aber vermutlich sehr viel daraus mitnehmen können. Danke an netgalley.de, vorablesen.de und Hanser Berlin für die Rezensionsexemplare.
Shoutout für den gelungenen Blick auf die Unsichtbarkeit von Care- und Reinigungsarbeit. Leonora bewegt sich täglich durch eine Welt des Luxus, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Die Autorin zeigt auf, wie selbstverständlich Menschen übersehen werden, deren Arbeit den Alltag überhaupt erst möglich macht und hält uns sozusagen ein Spiegel vors Gesicht. Das bringt sie für mich in diesem Satz auf den Punkt: „Lange bevor Automaten ihren Job obsolet machen würden, behandelte man sie da bereits wie einen.“ (S. 142).
Sprachlich überzeugt Inokai mit einem präzisen, ruhigen Stil, der von feinen Beobachtungen lebt. Immer wieder entstehen plastische Bilder im Kopf, die mich zum Nachdenken angeregt haben, etwa wenn Leonora sich wünscht: „Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch … frei von Mord und Totschlag …“ (S. 114). Darin verdichtet sich für mich die Erschöpfung einer Frau, die ihr Leben lang die Lasten anderer mitgetragen hat.
Trotz dieser starken Motive blieb der Roman für mich aber insgesamt leider hinter meinen Erwartungen zurück. Der Klappentext verspricht einen Mord und zahlreiche Geheimnisse, wodurch ich deutlich mehr Spannung erwartet hatte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte sehr langsam und konzentriert sich stärker auf Stimmungen und Figuren als auf den Kriminalfall. Das ist eine bewusste literarische Entscheidung, ließ die Handlung für mich aber stellenweise eher vor sich hinplätschern. Gerade die erhofften Aha-Momente oder überraschenden Wendungen hab ich vergeblich gesucht. Ich glaube in dem Fall liegt die Stärke des Romans weniger im Krimi als in seiner Gesellschaftsanalyse.
Fazit
"Die Auster" ist ein leiser, literarischer Roman über Unsichtbarkeit, Arbeit und Würde, dessen gesellschaftskritische Beobachtungen mich überzeugt haben. Wer jedoch (wie ich) aufgrund des Krimiplots mehr Spannung erwartet, könnte etwas enttäuscht sein. Für Leser:innen, die ruhige, sprachlich elegante Gegenwartsliteratur mit sozialem Blick schätzen, ist das Buch dennoch einen Blick wert. Mich haben vor allem die Themen begeistert; die Geschichte selbst konnte dieses Potenzial für mich jedoch nicht ganz ausschöpfen. Wer den Roman als literarische Gesellschaftsstudie liest und keinen spannungsgetriebenen Krimi erwartet, wird aber vermutlich sehr viel daraus mitnehmen können. Danke an netgalley.de, vorablesen.de und Hanser Berlin für die Rezensionsexemplare.