Eigene Wege
Manchmal zieht mich ein Buch schon magisch an, bevor ich die erste Seite aufgeschlagen habe. Bei diesem Buch ging es mir genau so. Das traumhafte Cover hat mich sofort berührt, und die Entdeckung der drei feinen, eingeprägten Vögel unter dem Schutzumschlag war ein echter Gänsehautmoment. Lisa Quentin hat hier eine Geschichte erschaffen, die mich wie ein funkelndes Stück Bernstein tief im Herzen berührt und nicht mehr losgelassen hat.Beim Lesen spürte ich förmlich das raue Peitschen des Windes und das weite, tosende Meer der Ostseeküste. Vor dieser atmosphärischen Kulisse entfaltet sich ein feinfühliges Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wir begegnen der 26-jährigen Julika, die in der Forschung arbeitet, aber im Alltag durch das bleierne Schweigen über die schwere Krankheit ihrer Mutter völlig gelähmt ist. Auf der anderen Seite lernen wir die über 90-jährige Ebba kennen. Ihre Lebensreise ist geprägt von der schmerzhaften Flucht aus dem Samland, dem Verlust ihrer Heimat und der Trennung von ihrer großen Jugendliebe Leo – Wunden, die sie bis heute in ihrer Kunst verarbeitet.Ein ganz außergewöhnlicher Bernstein mit einer geheimnisvollen Inkluse wird zur Brücke zwischen diesen beiden Frauen, die im Grunde dasselbe suchen: innere Freiheit und Selbstbestimmung. Die wunderbar recherchierten Details über das fossile Harz fließen dabei so leichtfüßig in die Handlung ein, dass man eine ganz neue Ehrfurcht vor diesen Jahrmillionen alten Zeitzeugen der Erdgeschichte entwickelt.Lisa Quentins Schreibstil ist unglaublich lebendig, warmherzig und tiefgründig. Sie stellt die großen Fragen nach Verantwortung, Verlust und der heilenden Kraft von schicksalhaften Begegnungen. Dieses leise, emotionale und absolut fesselnde Buch hat mir ein unvergessliches Lesevergnügen geschenkt.