Ein Kraftakt der Liebe

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daisyyyyy Avatar

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In "Die beste aller Beziehungen" erzählt Gun-Britt Sundström die Geschichte einer Beziehung, die sich nicht lange damit aufhält, wie zwei Menschen sich kennenlernen, sich nacheinander sehnen und erst Hindernisse überwinden müssen, damit sie am Ende der Geschichte endlich zusammen sein können. Nein, hier geht es um Gustav, Martina und ihre Beziehung, die Stärken und Schwächen hat, die sich intensiv mit sich selbst und alternativen Beziehungsmodellen beschäftigt, hinterfragt was notwendig ist, um die beste aller Beziehungen zu führen und ob es die überhaupt geben kann.
Interessanterweise fragt man sich bereits nach spätestens einem Viertel des Buches, warum sie sich nicht einfach trennen. Wie der oder die beste FreundIn erfährt man als LeserIn insbesondere von den negativen Situationen, den immer wiederkehrenden, scheinbar nicht lösbaren Streitthemen, den vielen negativen Emotionen und immer weniger von den verbindenden Momenten, von der Einheit und dem vertrauten Miteinander. So wirklich wertschätzend spricht Martina vor allem dann über ihren Geliebten, wenn sie gerade mal wieder getrennt sind und sie an jeder Ecke von allem an ihn erinnert wird. In ihrem On und Off vergisst man glatt mitzuzählen, wie viele Trennungen sie schon versucht haben durchzuziehen, wie viele andere Personen schon in ihre Misere mit hineingezogen wurden und wie viel Zeit bereits vergangen ist. Beim Lesen kann man sich berechtigterweise fragen, ob diese Längen wirklich notwendig für die Geschichte sind, aber sie tragen definitiv dazu bei, dass einen selbst die Geschichte ebenfalls länger begleitet und man ein Gefühl dafür kriegt, womit sich Martina und Gustav so lange herum geschlagen haben.
Doch was die etwas repetitiven Gedankenschleifen um Liebe, Beziehungen, Ehe und Treue auflockert, sind Martinas Gedanken über die Welt, über ihr Leben, ihre Existenz, die Gesellschaft, die Politik - eigentlich alles außer Gustav. Sundström schreibt wahnsinnig intelligent und mit scharfem Blick auf logische Zusammenhänge und gesellschaftliche Entwicklungen, ohne dabei in philosophisches Kauderwelsch abzurutschen. Martina ist eine rastlose Figur, die kaum etwas zu Ende bringt, was sie anfängt, aber gerade das passt wunderbar zu ihrem lebhaften Geist und ihren sprunghaften Überlegungen. An der Stelle sei auch ein explizites Lob an Nina Hoyer, die Übersetzerin dieser neuen Ausgabe, ausgesprochen, die einen so in die schwedische Vergangenheit mitnimmt, dass man es einerseits nie vergisst und sich dennoch nie wirklich fremd fühlt. Im Gegenteil, die Protagonistin spricht ebenfalls viel über Heimat und Räume, was im Sinne der Diskussion über Zugehörigkeit kein weiter Schritt ist, was so gut gelingt, dass man sich selbst in ein Ferienhaus in den Schären Schwedens träumen könnte.
Dieses Buch hat mich emotional wirklich mit auf eine Achterbahnfahrt genommen. Einerseits hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass sie sich gegenseitig zu schlechteren Menschen machen, was unfassbar frustrierend ist. Andererseits können sie einem auch wahnsinnig leidtun, weil sie aus ihrer Situation eigenständig nicht herauszukommen scheinen, und dann wieder vergeht einem jedes Mitleid, weil sie sich beide so abscheulich verhalten.
Doch trotz aller Wut, Trauer und Frustration, die mich beim Lesen begleitet haben, gab es auch unfassbar witzige, lebensbejahende und intellektuell stimulierende Passagen, die einem letztlich durch das Buch helfen. Es fühlt sich an, als wäre man selbst Teil der Beziehung gewesen, und ein Stück weit ist es erleichternd, dass es jetzt vorbei ist. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass mich Erinnerungen an dieses Buch, genauso wie Martina die Erinnerungen an Gustav noch eine ganze Weile begleiten werden. Vielleicht ist es letztlich genau das, was dieses Buch so besonders macht, weswegen ich es am Ende doch empfehlen muss, obwohl ich da während des Lesens nicht immer selbst dran geglaubt habe.