On-and-Off im Stockholm der 70er Jahre

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"Warum geht man weiter auf die Suche, wenn man doch längst alles hat, was man braucht? Ich dachte, man würde dem entwachsen, wenn man reif und erwachsen ist?"

Martina und Gustav lernen sich während des Studiums in Stockholm kennen. Sie lassen sich aufeinander ein, versuchen sich an einer gemeinsamen Beziehung. Es gibt, wie in jeder Beziehung, Höhen und Tiefe, Aufs und Abs, und beide versuchen, miteinander und für sich allein einen Platz in der Welt zu finden.

Die beiden haben, was wir heute eine klassische On-Off-Beziehung nennen würden. Sie können nicht wirklich miteinander, aber auch nicht wirklich ohne einander. Dabei steht ihnen nicht zuletzt ihre Bildung im Weg: Sie sprechen über die Liebe als etwas Metaphysisches, philosophieren über die Seinszustände mit und ohne Partner, über Lust, über "die eine große Leidenschaft". Sie sind zwar nicht verheiratet, sprechen aber von Ehe, Scheidung, "mein Mann/meine Frau". Es ist eine schizophrene Sache, die wir da aus Martinas Sicht zu sehen bekommen. Sie will Gustav, aber liebt ihn nicht wirklich, jedenfalls nicht so, wie er sich das vorstellt. Sie will allein und unabhängig sein, wird darin dann aber zutiefst einsam. Sie will sich ausprobieren, aber kein Mann interessiert sie wirklich. Martina wirkt misanthropisch, verloren in der neuen Welt, in der man sich nicht mehr "verpaaren" muss, es aber trotzdem irgendwie will.

Diese Beziehungsdynamik führt zu sehr viel Wiederholung, immer wieder gibt es Trennungen, Wiedervereinigungen, merkwürdige Gespräche und endloses Nachdenken und Philosophieren. Auch sonst ist Martina im Leben eher verloren, weiß nicht was studieren, was arbeiten, wen mögen, was erleben. Alles wirkt bei ihr wie eine Notlösung, als würde das "echte Leben" anderswo warten - aber wo, das weiß sie auch nicht so recht.

So ist der Roman nicht nur ein ausführliches Porträt einer ziemlich gewöhnlichen und darum eben so spannenden Beziehung, sondern auch ein Porträt der Jugend. Der Vorstellungen davon, was Jugend ausmacht, was man erlebt haben sollte. Und das ist heute noch genauso aktuell wie damals in den 70ern in Schweden. Erstaunlich, dass ein so zeitlich und räumlich situiertes Buch so gut altern kann, uns noch so viel über unsere eigene Zeit zu vermitteln weiß. Gerade Details wie die Rolle der USA in Vietnam und die Angst vor einem dritten Weltkrieg, der Kampf politischer Lager und gesellschaftlicher Gruppen kommt uns heute wieder unangenehm bekannt und aktuell vor.

Das Buch ist zwar ein ordentlicher Wälzer, ohne dass etwas nennenswertes geschieht oder man von einer spannenden Storyline sprechen könnte. Dennoch hat es für mich einen starken Sog entwickelt, dem ich mich schwer entziehen konnte, da es doch einfach sehr interessant ist, so in die Tiefen einer Beziehung einzutauchen, (schmerzhafte) Parallelen zum eigenen Leben und Lieben zu ziehen und sich zu fragen, wie es wohl weitergehen kann für diese beiden Menschen und auch für einen selbst. Wer also Lust hat, einmal ganz tief in ein anderes Leben hineinzublicken, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.