Als Fremde in der neuen Heimat
Das schön gestaltete Cover macht klar, dass es sich um einen historischen Roman handelt, in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die ein Fahrrad schiebt, offenbar die Briefträgerin, unterwegs auf einem Landsträßchen in süditalienischer Landschaft. Die Leseprobe führt uns denn auch gleich hinein in ihr Leben, allerdings erst nach einem Prolog aus dem Jahr 1961, der ihre Aufbahrung im Garten thematisiert, wie sie es sich gewünscht hatte. Anna war mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn im Sommer 1934 aus ihrer ligurischen Heimat nach Süditalien gekommen, in das apulische Heimatdorf ihres Mannes, wo sie offenbar bis zu ihrem recht frühen Tod geblieben ist. Die Eingewöhnung in ihre neue Heimat fiel ihr schwer, nicht nur wegen der sommerlichen Hitze, sondern vor allem wegen der andersartigen Sitten und Gebräuche, wo sie als Fremde Anstoß erregte. Die Autorin schildert Annas erste Erlebnisse, ihr Befremden und ihre Sorgen sehr lebendig und anschaulich. Für meinen Geschmack sind diese Schilderungen etwas zu ausführlich geraten, aber vielleicht soll damit auch die Trägheit angedeutet werden, die sich mit der Hitze über den abgelegenen Landstrich legt. Francesca Giannone hat mit diesem Debüt sicherlich einen lesenswerten Roman von atmosphärischer Dichte geschaffen.