Gegen den Staub der Tradition: Eine starke Frau erobert den Süden

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Schon auf den ersten Seiten von Francesca Giannones Debütroman wird deutlich, dass dies keine gewöhnliche Auswanderergeschichte ist, sondern das Porträt einer Frau, die sich weigert, unsichtbar zu bleiben. Der Einstieg führt uns in das Jahr 1934, als Anna, eine stolze Frau aus dem Norden (Ligurien), mit ihrem Mann Carlo und dem gemeinsamen Sohn in dessen Heimatdorf Lizzanello im tiefsten Apulien eintrifft.

Giannones Schreibstil ist von Beginn an atmosphärisch und soghaft. Sie zeichnet das Bild eines staubigen, sonnenverbrannten Süditaliens, das in seinen Traditionen erstarrt ist. Der Kontrast könnte nicht schärfer sein: Hier die moderne, gebildete Anna, die liest und Hosen trägt, und dort ein Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben scheint und Frauen einen fest vorgegebenen Platz im Hintergrund haben. Man spürt als Leser sofort die unterkühlte Ablehnung, die Anna entgegenschlägt – sie ist die „Fremde“, die Forestiera, und wird misstrauisch beäugt.

Besonders eindrucksvoll wird auf diesen ersten 39 Seiten der innere Widerstand der Protagonistin etabliert. Anna fügt sich nicht. Die Entscheidung, sich auf die Stelle der Postbotin zu bewerben – ein Beruf, der zu dieser Zeit absolut männerdominiert war –, wirkt wie ein Paukenschlag. Es ist nicht nur ein Job, sondern ein Akt der Emanzipation in einer Welt, die ihr eigentlich nur die Rolle der gehorsamen Ehefrau zugedacht hat. Die Dynamik zwischen ihr und Carlo, der zwischen der Liebe zu seiner Frau und dem Druck der dörflichen Konventionen steht, verleiht der Geschichte bereits früh eine psychologische Tiefe.

Giannone versteht es, die Hitze des Südens und die Kälte der sozialen Ausgrenzung so zu beschreiben, dass man als Leser sofort Partei für Anna ergreift. Der Einstieg verspricht eine große Familiensaga, die nicht nur von Liebe und Heimat handelt, sondern vor allem vom Mut, gegen den Strom zu schwimmen.