Ein Roman voll italienischem Charme

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leseleucht Avatar

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Die Geschichte ihrer Großmutter war Inspiration für Francesca Giannone einer interessanten, starken, eigensinnigen Frau mit ihrem Roman ein Denkmal zu setzen. Das ist ihr, denke ich, gelungen.
Anna kommt mit ihrem Mann aus dem Norden Italiens in ein kleines Städtchen im Süden des Landes, für sie ein Unterschied wie Tag und Nacht. Für die Einwohner bleibt sie immer die Fremde, nicht nur, weil sie nicht im Dorf geboren ist, sondern vielmehr wohl auch, weil ihre Lebens- und Wesensart den anderen fremd ist. Anna gibt sich nicht mit der Rolle als Ehefrau und Mutter zufrieden. Als sich die Möglichkeit ergibt, ergreift sie die Stelle als erste Postbotin, die zudem nicht nur die Briefe austrägt, sondern auch die Schicksale ihrer Adressaten in die Hand nimmt. Sie setzt sich ein für Benachteiligte, vor allem für die Frauen. Auch im Familienkreis, als ihre Schwägerin und Nichte Hilfe brauchen. Sie ist eine sehr schöne und sinnliche Frau, was neben Neidern auch zu Bewunderern führt, z. B. ihrem Schwager. Dies ist nicht die einzige Beziehung im Dorf, die nicht sein darf, und sie haben alle mehr oder minder schwere Konsequenzen.
Giannone schreibt ein liebevolles Porträt der Postbotin Anna und erschafft einen kleinen Kosmos voller charmanter oder eigenwilliger Figuren, deren Geschichten um die von Anna herum zu einem unterhaltsamen, bisweilen emotionalen, bisweilen sehr spannenden Roman ergeben. Was ihr besonders gut gelingt, es es, die süditalienischen Flair zu vermitteln. Quasi mit allen Sinnen fühlt sich der Leser in ein Dorf im Süden Italiens versetzt. Er lebt und leidet mit den Figuren.
Nur, als die Geschichte auf ihr Ende zuläuft und die Handlung noch einmal eine dramatische Wende nimmt, erahnt man schon auf den letzten fünfzig Seiten, dass diese nicht ausreichen werden, zu einem entwickelten Schluss zu kommen. Das ist für mich einer der wenigen Kritikpunkte am Buch, der leider – weil eben am Ende stehend – doch stark in Erinnerung bleibt, dass das Ende so abrupt und wenig entwickelt dem Leser vor die Füße fällt.
Ansonsten bietet der Roman dem Leser anschauliche und lebendige Unterhaltung und ein Gefühl von Urlaub unter italienischer Sonne.