Polit-Thriller in Zeiten des neu erwachenden Ost-West-Konflikts

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London 2021: Wiktor Orlow, ehemals reichster Mann Russlands, wird tot aufgefunden: Er wurde Opfer eines Anschlags mit dem Nervengift Nowitschok. Gabriel Allen, Leiter des israelischen Geheimdienstes, trifft bei seinen Nachforschungen auf die Spuren einer russischen Untergrundorganisation und eines weitverzweigten Netzes von Geldwäsche, Korruption und Manipulation.
Das Szenario, das Daniel Silva hier entwirft, ist erschreckend nah an der Realität und nimmt auch aktuelle Geschehnisse auf: Von der Corona-Pandemie bis zu Verschwörungstheorien und der Stürmung des Kapitols finden viele Schlagzeilen der zurückliegenden Jahre Eingang in diesen Thriller. Auch die Schilderung der internationalen Verbindungen im Dienst der Geldwäsche zur Finanzierung terroristischer Organisationen zur Unterwanderung demokratischer Meinungsbildung lassen beim Lesen die Grenzen zwischen spannender Unterhaltung und politischem Weckruf manchmal verschwimmen.
Das macht diesen Thriller so spannend und anspruchsvoll, zugleich aber auch gelegentlich etwas verwirrend. Die Vielzahl von Schauplätzen weltweit und eine große Anzahl beteiligter Personen und Institutionen sind faszinierend, zugleich aber auch oft unübersichtlich. Ich musste des öfteren zurückblättern, um einzelne Handlungsstränge nochmal zu rekonstruieren oder die Bedeutung mancher Figuren zu rekapitulieren.
Unbefriedigend fand ich die immer wieder auftauchenden musikalischen Themen, bei denen ich aber keine Analogie zum Geschehen entdecken konnte: Weder spiegelte die Dreiteilung des Romans in Moderato, Menuett und Trio sowie Adagio cantabile die Entwicklung der Geschehnisse wider, noch konnte ich zwischen den reichlich zitierten Cello-Stücken und den Ereignissen einen Zusammenhang erkennen. Schade, denn dieses Konzept hätte seinen Reiz gehabt.
So komme ich zu dem Ergebnis, dass hier ein sehr guter, solide konstruierter Thriller für unterhaltsame Stunden sorgt: leider nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger!