Die Perspektive bestimmt den Blickwinkel

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„Die drei Farben der Liebe“ von Sophie Haydock gibt in einer auf biografischen Fakten basierenden fiktionalen Geschichte einen spannenden Einblick in das Leben der Frauen um den Künstler Henri Matisse und die verschiedenen Facetten der Liebe.
Das Cover ist passenderweise wie ein Gemälde gestaltet und zeigt im Vordergrund drei Frauen, die an einem sonnigen Tag am Meer sitzen. Während zwei der Frauen am Tisch sitzen, blickt die dritte abgewandt aus das Meer hinaus.
Der lebendige Schreibstil von Sophie Haydock lässt das Leben und die Konflikte im Hause Matisse sehr bildhaft und dynamisch erscheinen, dabei hätte die Handlung für meinen Geschmack allerdings an einigen Stellen noch etwas gestrafft und an anderen Stellen durch Dialoge ergänzt werden dürfen. Besonders interessant ist der Aufbau des Romans, der mit einem Ultimatum in Nizza 1939 startet. Es folgen drei ausführliche Teile – jeweils einer aus der Perspektive jeder der drei Frauen – bevor der Epilog noch einmal einen kurzen abschließenden Blick auf das Leben jeder einzelne gibt. Im ersten Teil erhält der Leser einen Blick auf das Leben der jungen Familie Matisse aus der Sicht von Ehefrau Amélie. Vom ersten Kennenlernen im Jahr 1897, über die zeitnah folgende Hochzeit die Flitterwochen, die Geburt der Söhne, die Aufnahme von Henris älterer unehelicher Tochter Marguerite in die Familie bis hin zu den massiven Widerstände gegen Henris Kunst lässt sich ein tiefes Vertrauen des Ehepaars erkennen, dass in den schwierigsten Zeiten zusammenhält. Die selbstbewusste Amélie beweist große Stärke, hält ihrem Mann stets den Rücken frei und unterstützt ihn, bewahrt dabei aber auch ihre eigenen Träume. Mit dem Beginn des künstlerischen Erfolg und dem Ende eines Lebens an der Armutsgrenze verändert sich für Amélie jedoch einiges. Psychisch und körperlich gezeichnet, hat sie ihre eigenen Ziele inzwischen begraben und entwickelt zunehmend Misstrauen gegen ihren Ehemann – vor allem als dieser in der Haushaltshilfe Lydia seine neue Muse findet - und wird darüber zu einer harten, missmutigen Frau. Mit neuen Aufgaben, die sie fordern findet Amélie später noch einmal zu unerwarteter Stärke zurück. Wo man im ersten Teil noch voll und ganz mit Amélie mitfühlen konnte, werde im zweiten Part vollkommen neue Facetten von der als Kind aus Russland geflohene Waise Lydia offenbar. In eine scheinbar ebenso liebevolle, wie angesehene Familie hineingeboren und mit großen Wissensdurst und Intelligenz gesegnet, hätte Lydia eine vielversprechende Zukunft vor sich haben können. Dass sie bei weitem hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und regelrecht heimatlos ihr Leben verbringt, macht sie zu einer besonders tragischen Figur. Ihr Teil beginnt 1917 mit der Kindheit in Russland, noch im gleichen Jahr folgt die Flucht mit der Tante nach China. 1929 versucht die 19-jährige Lydia in Paris ein neues, sinnvolles Leben zu beginnen. Die äußere Umstände und traumatische Erfahrungen haben ihre Persönlichkeit nachhaltig geprägt. Auf ihrem Weg durchs Leben findet sie stets Steine auf ihrem Weg vor, die das Erreichen ihrer ehrgeizigen Ziele verhindern. Obwohl Lydia eine Frau ist, die scheinbar niemandem Böses will, sieht sie sich doch nur Widerwillen und Abneigung gegenüber. Einzig in Henri Matisse findet sie einen Vertrauten und gleichermaßen eine Aufgabe, die ihrem Leben einen Sinn gibt. Der dritte Teil, Marguerites Blickwinkel, beginnt dort, wo die beiden anderen Teile enden – im Jahr 1939. Auch Marguerite tritt Lydia mit Misstrauen und unverholener Abneigung entgegen, nicht einzig aus Loyalität zu ihrer Ziehmutter, sondern maßgeblich aus Eifersucht und Sorge ihre Position als Liebling des Vaters einzubüßen. Dennoch meldet sich manchmal ihr Gerechtigkeitssinn, der jedoch schnell unterdrückt wird. Als kleines Kind oft kränklich und schwach, hat sie in ihrer Jugend in der Familie deutlich an Selbstvertrauen gewonnen. Die Stärke mit der sie aktiv dem Nationalsozialismus entgegentritt und sich trotz aller erlittenen Qual nicht unterkriegen lässt, überrascht dennoch.
So unterschiedlich die Frauen auch wirken und obwohl in meinen Augen keine von ihnen eine echte Sympathieträgerin ist – in ihrer beinahe unerschütterlichen Stärke und ihrer Liebe zu demselben Mann gleichen sie sich. Ohne diese drei Frauen hätte es Henri Matisse wohl niemals zu seiner späten, aber dennoch langen und erfolgreichen Karriere gebracht.
„Die drei Farben der Liebe“ beweist eindrucksvoll wie sehr der Blickwinkel beim Lesen von der Perspektive abhängt. Ein wirklich toller Roman für alle Freunde historischer Romane mit biografischen Hintergründen und Fans starker Frauenfiguren.