Ein skurriles Literaturfeuerwerk

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shiva2308 Avatar

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Gestaltung:
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Das Cover hat mich magisch angezogen: Ein leuchtendes Farbengemisch, als hätte man alle kräftigen Farben in einen Eimer gemischt und einmal vorsichtig mit dem Rührstab umgerührt. Auf diese Weise verzwirbeln sich die Farben, aber vermischen sich nicht zu einer. Diese bunte Mischung macht neugierig, weil es alles und doch auch wieder so gar nichts über den Inhalt sagt. Aber am Ende des Romans wusste ich: es passt!

Inhalt:
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"Ja, wir wollten alles stehen und liegen lassen, uns hinsetzen und das Buch einfach nur einatmen. Nichts sonst. Wir wollten verschwinden in dem Buch wie in einem Brunnen, wir wollten lachen und schwitzen, schmunzeln und schreien, wir wollten kichern und die Stirn runzeln und den Kopf schütteln und uns auf die Schenkel schlagen, wir wollten uns einmal mehr und neu und frisch einfangen lassen von dieser unwiderstehlichen Gedanken- und Zwerchfellgrazie, vom Seelencharme eines Menschen, der unser aller Leben dermaßen verhext hatte, und wir wussten es schon jetzt: Wenn die letzte Seite des zehnten Buchs umgeblättert wäre, würden wir wieder von vorn beginnen." (S. 36f)

Vincent Bär wächst mit von Literatur besessenen Eltern, seiner Schwester Elfi und seinem Bruder Marcellus auf. Als er zehn Jahre alt ist, verschwindet seine Mutter spurlos. Der Verlust reißt ein großes Loch in die Familie, das alle auf ihre Weise versuchen, zu füllen: Elfi jagt dunkler Teilchenmaterie hinterher, Marcellus sucht sein Glück in der Filmbranche und Vincent wird besessen vom Schriftsteller Laurence Sterne, insbesondere von seinem 9 Bände umfassenden Werk um Tristram Shandy. Und der Vater füllt die Lücke mit Lesen und der Suche und Bewertung von literarischen Redewendungen und dem Zählen von Satzwiederholungen in Büchern.
Als Vincent bei einem Sterne-Fan-Treffen in Coxwold verweilt, bekommen er und zwei seiner Bekannten, die ebenfalls Shandy-Anhänger sind, ein unwiderstehliches Angebot: Ein zehnter Band von Tristram Shandy soll entdeckt worden sein und sie sollen dessen Echtheit überprüfen. Nachdem sie die ersten zwei Kapitel gelesen haben, ist Vincent fest entschlossen, auch den Rest des Buches zu besitzen. Durch diese Obsession entwickelt sich eine skurril absurde, teils humorvolle, teils tragische und unerwartete Geschichte.

Mein Eindruck:
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"Schreiben heißt: Etwas, das nicht geschehen ist, so zu erzählen, dass der Leser glaubt, es sei geschehen. Beim Lesen und Zuhören ist es genauso. Nur andersherum. Du bist auf einem guten Weg, Vince.«" S. 108)

Dies war das erste Buch des Autors, das ich gelesen habe und ich habe eine Weile gebraucht, in die Handlung hinein zu finden. Offen gestanden war ich bis zur Hälfte gar versucht, das Buch abzubrechen. Der Anfang war zunächst gut, die Erzählung ist aus der Ich-Perspektive von Vincent geschrieben und somit erlebt man die Ereignisse aus seinem Kopf heraus. Mit dem Fantreffen wird schnell ein Trigger gesetzt, weil man wissen möchte, ob das Buch echt ist und wie die Handlung weitergeht. Leider verliert sich direkt im Anschluss die Geschichte, indem der Erzähler sehr lang und ausschweifend aus seiner Kindheit erzählt, die Literaturliebe seiner Eltern und zwischendurch über seinen geliebten Schriftsteller Sterne oder das Leben im Allgemeinen philosophiert. Dabei ist die Sprache, die er verwendet, sehr poetisch und ausschweifend. Erst gegen Ende fügen sich langsam die Puzzleteile ineinander und es kommt zu sehr vielen situationskomischen Szenen, bei denen ich pures Kopfkino hatte und mich sehr amüsiert habe.

Ich bin tatsächlich hin- und hergerissen, ob ich das Buch genial finden soll oder zu viel des Guten. Wenn man den Roman eine Weile wirken lässt, dann gibt es viele Passagen, die Sinn machen und einen zum Nachdenken anregen. Es werden viele Aspekte angesprochen wie Literatur, Sprache und die Bedeutung des Schreibens, aber auch andere Medien, das Universum und das Leben an sich werden stellenweise lange reflektiert. Für einen Roman wirkt das manchmal ablenkend sowie spannungsmindernd und ich gebe zu, dass ich einige Passagen quergelesen habe, weil sie mir nicht zielführend erschienen. Auf der anderen Seite haben mich die Ausführungen stellenweise gepackt und ich konnte nicht aufhören zu lesen, bis die Auflösung mich das Buch hat zufrieden zuklappen lassen. Philosophieren kann Herr Orths, ebenso mit Sprache umgehen, aber manchmal verliert er dabei den roten Faden. Dennoch hat dieses Werk mir weitestgehend gefallen, weil es sich erfrischend von anderen Romanen abhebt.

Fazit:
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Erfrischend anderer Roman über Literatur und das Leben, stellenweise aber sehr ausschweifend erzählt.