Enthusiasmus ohne Grenzen

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... gleicht regelrechter Besessenheit. Doch ich greife vorweg. Das Cover wirkt auf mich lebendig dynamisch, ja, fast schon freudig. Besser hätte ich darin eine (kreative) Explosion gesehen, die - Hollywood macht es vor - durchaus Spaß machen kann, aber mit einem mindestens ebenso großen Chaos einhergeht.

Wenn in diesem Buch jemand enthusiastisch ist, dann der Autor in seinem Umgang mit Sprache. Um die Eskapaden, so muss man es zuweilen nennen, zu rechtfertigen, dreht sich die Geschichte um eine Familie die geradezu besessen von Büchern ist. Leitbild ist der altehrwürdige Tristam Shandy. Wer nach dem zehnten Komma nicht mehr weiß, in welchem Hauptsatz er sich gerade befindet, sollte daher besser Abstand nehmen. Trotzdem geht es hier allgemein gesitteter zu. Was nicht davon ablenken sollte, dass alle Hauptfiguren ständig an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn stehen - auf weicher Seite genau wechselt, auch aufgrund der unterschiedlichen Zeitebenen, wiederholt.

Zwar ist das Spiel mit dem Unwahrscheinlichen aber nicht Unmöglichen zentrales Thema des Buchs, doch einmal dafür sensibilisiert, dass das im Wesentlichen nur Selbstzweck ist, ist mein Interesse an den Passagen, die in die nächste Fiktion abdriften, deutlich gesunken. Hier mögen Literaturwissenschaftler mehr Freude haben, doch mir hat das Ende eines Bandwurmsatzes selten mehr zu sagen gehabt als sein Anfang, was diesen Exkursen den Charakter von Geschwafel nicht ganz abspricht. Was immer noch besser ist, als sich Gewaltorgien auszumalen (glücklicher Weise die Ausnahme, aber unnötiger Weise doch vorhanden).

Und so mäandert das Buch über weite Strecken dahin - getragen von der sprachlichen Qualität. Bis es am Ende doch noch so richtig aufdreht. An diesem Punkt ist die Geschichte bereits aberwitzig und obwohl die Auflösung klar ist, darf auch die KI noch herhalten, um einen eher ergebnisoffenen Beitrag zur aktuellen Diskussion zu liefern. In diesem Licht wirkt manches wie das letzte Aufbäumen des Sprachenthusiasten vor der drohenden Kapitulation am Buchmarkt. Doch das dürfte Stoff für ein anderes Buch sein.