Skurrile, gar wahnwitzige Erzählung
Eine bücherverrückte, sprachverliebte, erzählgewandte Familie, Vinces Verehrung des Schriftstellers Lawrence Sterne und die Jagd nach dessen verschollenem Manuskript: Wenn dann noch Begeisterungsfähigkeit in Besessenheit umschlägt, haben wir alles für eine solch skurrile, gar wahnwitzige Erzählung: „Die Enthusiasten“ von Markus Orths.
Literaturdozent Vince Bär, in Unikreisen auch als verschrobener Dr. Shandy bekannt, reist zum 250. Todestag von Laurence Sterne ins beschauliche Coxwold, um seinem Literaturidol an dessen Grab zu ehren. Dort wird ihm Sternes verschollenes 10. Buch über „Leben und Ansichten des Tristram Shandy“ angeboten. Ist es eine literaturhistorische Fundsensation oder eine gemeine Finte? Er bekommt Einblick in die ersten beiden Kapitel, ein Sterne-Erzählfeuerwerk! Vince ist sich sicher, dass er das verschollene Buch in Händen hält, und setzt damit eine Reihe von unvorhergesehenen Ereignissen in Gang wie eine unaufhaltsame Domino-Kettenreaktion mit fulminantem Finale.
„Geschichten reichen tiefer als Erinnerungen. Geschichten treffen ins Mark des Gefühls. Geschichten knüpfen Erinnerungen an Bilder, an Wörter, an Sätze, an eine Sprache, an einen Ton, an einen Rhythmus. Geschichten sind der Takt der Erinnerung. Jede Erinnerung wird geboren in der Haut einer Geschichte. Je öfter die Geschichte erzählt und gestreichelt wird, umso fester ihre Haut. Obwohl jede Erinnerung zur Wahrheit strebt, trägt sie als Geschichte immer auch etwas Erfundenes in sich. Aber umgekehrt gilt dasselbe: Unter jeder erfundenen Geschichte liegt eine Schicht aus Erlebtem.“
Die Liebe für Geschichten und für die Vielfalt der Sprache sind hier vorherrschend und manifestieren sich in Vinces Eltern. Die Mutter ist ein solches Erzähltalent, dass selbst die abstrusesten Geschichten glaubhaft sind, und doch verlässt sie eines Tages die Familie spurlos. Der Vater weckt in den Kindern ihren Sinn für Sprache, für Satzvielfalt und Wortschöpfungen. Leidenschaft und Enthusiasmus werden an die Kinder weitergegeben: Was für Vince seine geliebte Sterne-Figur Tristram Shandy ist, das ist für sein Bruder Marcello die Filmkunst und das filmische Erzählen und für seine Schwester Elfi die Wissenschaft und Forschung nach unsichtbaren Dunkle-Materie-Teilchen. So unterschiedlich die Wege der Geschwister verlaufen, so ähnlich zielstrebig und vehement streben sie nach ihrer Leidenschaft, glauben mit radikaler Hingabe daran.
Markus Orths verlässt mit seiner Hauptfigur immer wieder den linearen Erzählstrang und baut die verschiedensten Erinnerungen und Erzählungen ein – für meinen Geschmack leider zu langatmige und überladende Nebenstränge. Die Diskussionen zwischen Vater und Sohn über Erzählkunst, über das philosophische Verständnis von Autorschaft, Text und Leser waren mir auch zu theoriebelastet. Orths zeigt allerdings ein besonderes Gespür für Sprache – seine Wortschöpfungen habe ich geliebt (‚Seelenwanze‘ für Albtraum!) – und traut sich, skurril, verrückt, einfach anders zu erzählen mit Humor, mit Niveau. Und stellt überdies in diesem Chaos existenzielle, menschliche Fragen.
Fazit
Eine abstruse, fast unwahrscheinliche Geschichte um eine wirklich verrückte, aber herzliche Familie, die um Zusammenhalt, Verlust- und Schuldgefühle kämpft. Für anspruchsvolle, geduldige Lese- und Literaturbegeisterte.
Literaturdozent Vince Bär, in Unikreisen auch als verschrobener Dr. Shandy bekannt, reist zum 250. Todestag von Laurence Sterne ins beschauliche Coxwold, um seinem Literaturidol an dessen Grab zu ehren. Dort wird ihm Sternes verschollenes 10. Buch über „Leben und Ansichten des Tristram Shandy“ angeboten. Ist es eine literaturhistorische Fundsensation oder eine gemeine Finte? Er bekommt Einblick in die ersten beiden Kapitel, ein Sterne-Erzählfeuerwerk! Vince ist sich sicher, dass er das verschollene Buch in Händen hält, und setzt damit eine Reihe von unvorhergesehenen Ereignissen in Gang wie eine unaufhaltsame Domino-Kettenreaktion mit fulminantem Finale.
„Geschichten reichen tiefer als Erinnerungen. Geschichten treffen ins Mark des Gefühls. Geschichten knüpfen Erinnerungen an Bilder, an Wörter, an Sätze, an eine Sprache, an einen Ton, an einen Rhythmus. Geschichten sind der Takt der Erinnerung. Jede Erinnerung wird geboren in der Haut einer Geschichte. Je öfter die Geschichte erzählt und gestreichelt wird, umso fester ihre Haut. Obwohl jede Erinnerung zur Wahrheit strebt, trägt sie als Geschichte immer auch etwas Erfundenes in sich. Aber umgekehrt gilt dasselbe: Unter jeder erfundenen Geschichte liegt eine Schicht aus Erlebtem.“
Die Liebe für Geschichten und für die Vielfalt der Sprache sind hier vorherrschend und manifestieren sich in Vinces Eltern. Die Mutter ist ein solches Erzähltalent, dass selbst die abstrusesten Geschichten glaubhaft sind, und doch verlässt sie eines Tages die Familie spurlos. Der Vater weckt in den Kindern ihren Sinn für Sprache, für Satzvielfalt und Wortschöpfungen. Leidenschaft und Enthusiasmus werden an die Kinder weitergegeben: Was für Vince seine geliebte Sterne-Figur Tristram Shandy ist, das ist für sein Bruder Marcello die Filmkunst und das filmische Erzählen und für seine Schwester Elfi die Wissenschaft und Forschung nach unsichtbaren Dunkle-Materie-Teilchen. So unterschiedlich die Wege der Geschwister verlaufen, so ähnlich zielstrebig und vehement streben sie nach ihrer Leidenschaft, glauben mit radikaler Hingabe daran.
Markus Orths verlässt mit seiner Hauptfigur immer wieder den linearen Erzählstrang und baut die verschiedensten Erinnerungen und Erzählungen ein – für meinen Geschmack leider zu langatmige und überladende Nebenstränge. Die Diskussionen zwischen Vater und Sohn über Erzählkunst, über das philosophische Verständnis von Autorschaft, Text und Leser waren mir auch zu theoriebelastet. Orths zeigt allerdings ein besonderes Gespür für Sprache – seine Wortschöpfungen habe ich geliebt (‚Seelenwanze‘ für Albtraum!) – und traut sich, skurril, verrückt, einfach anders zu erzählen mit Humor, mit Niveau. Und stellt überdies in diesem Chaos existenzielle, menschliche Fragen.
Fazit
Eine abstruse, fast unwahrscheinliche Geschichte um eine wirklich verrückte, aber herzliche Familie, die um Zusammenhalt, Verlust- und Schuldgefühle kämpft. Für anspruchsvolle, geduldige Lese- und Literaturbegeisterte.