Mit Luft nach oben

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Inhalt
Der zwanzigjährige Timur Aslan lebt in der deutschen Provinz und wünscht sich ein eindrucksvolleres Leben. Ein bekannter Journalist möchte er werden, arbeitet jedoch nur stundenweise für das örtliche Lokalblatt. Seine Themen kommen über Hühnerzüchter und Bowling nicht hinaus. Dann trifft er bei der Suche nach einem umwerfenden Thema, das ihm ein Volontariat einbringen soll, auf die siebzigjährige Annette, die behauptet, den Dosenöffner erfunden zu haben. Einzelheiten will sie dem jungen Mann allerdings nur mitteilen, wenn der sie in die Schweiz fährt. Ein Abenteuer, das Timur nicht nur viel abverlangen wird, sondern ihm auch die Augen für das Wesentliche öffnet.


Meinung
Bei „Die Erfindung des Dosenöffners“ handelt es sich um ein sehr schnell gelesenes kleines Hardcover, das unheimlich (fast übertrieben) politisch korrekt daherkommt, dabei aber leider die Handlung vernachlässigt hat. Bereits nach wenigen Seiten liegt zusätzlich die Frage auf der Hand, ob die Geschichte nicht besser im Genre Young Adult oder New Adult aufgehoben wäre. Zum einen ist Timur gerade erst zwanzig und trägt die für seine Altersgruppe typischen Wünsche und Probleme mit sich herum. Die Welt des Social Media zeigt ihm zudem Freunde, die offenbar mehr auf die Reihe bekommen als er. Gefangen in einem Provinznest bei seinem alleinerziehenden Vater mit nichtdeutschem Hintergrund, der gerne an Autos herumschraubt und Timurs Zukunft kritisch beäugt. Der junge Mann fühlt sich ein wenig unter Druck gesetzt. Zudem will sein Bekannter Benjamin ihm ein Volontariat bei einer großen Zeitung verschaffen, hält ihn aber beständig hin. Ein großes Thema soll Aufmerksamkeit auf Timur lenken, nur wo soll er dieses hernehmen?
Als er auf Annette trifft, hätten sich viele Möglichkeiten geboten. Ob es an einer von Beginn an klein anvisierten Seitenzahl lag oder daran, das dem Autor ein bisschen die Ideen ausgegangen sind, vermag ich nicht zu sagen. Die alte Dame jedenfalls ist sympathisch geraten, auch wenn sie leider keine umfassenden Auftritte erhält. Der Vergleich von Instagram und den Zeitschriften als sie jung gewesen ist, war jedoch sehr gelungen. Die beiden im Alter entfernten Menschen verbringen nun leider nur wenig Zeit miteinander und bekommen so natürlich auch keine Möglichkeit, sich wirklich kennenzulernen. Annette erzählt viel aus ihrer Vergangenheit, alles in wörtlicher Rede, die kaum einmal unterbrochen wird. Wer genau liest, kann sich ihre Geschichte schon zu Beginn zusammenreimen, was nicht zuletzt am Namen der Firma ihres Mannes liegt. Wer dann noch Zusätzliches in der fortlaufenden Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Leider zieht sich das letzte Drittel so auch unnötig in die Länge.
Nach Beenden des Buches war ich sehr überrascht zu lesen, dass es sich um ein humoriges Werk handeln soll. Davon war leider nichts zu entdecken. Es sei denn die vielen ermüdenden Andeutungen an Themen wie Rassismus und Sexismus, alle völlig fehlplatziert, sollen dazuzählen, wenn vielleicht auch eher mit schwarzem Humor? Es muss recht schwierig gewesen sein, all dies in ein so dünnes substanzloses Büchlein zu pressen, das viel mehr hätte sein können, wenn der Autor sein Hauptaugenmerk auf die sehr gelungene Grundidee gerichtet hätte. Hier hätte es viel zu entdecken gegeben. So fällt die recht jugendliche Geschichte leider recht mau aus und der letzte Funken will einfach nicht überspringen. Für ein Erstlingswerk recht okay, aber beim nächsten Mal bitte auf das Wesentliche konzentrieren und eine Schippe drauflegen.