Ein beeindruckender Schicksals-, Gesellschafts- und historischer Roman

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Von 1937 bis 2020 lässt Tanja Weber Lis vor unseren Augen lebendig werden. Als Kind und Jugendliche auf dem elterlichen Bauernhof ist ihr Alltag von Armut und harter Arbeit geprägt. Ihr ältester Bruder fällt im 2. Weltkrieg, ihr Vater kehrt versehrt und gebrochen zurück. Die Brüder Heini mit seiner Gehbehinderung und der Jüngste, Otto, sind keine vollwertigen Stützen für Lis und ihre Mutter bei der Hofarbeit. Tatkräftige Hilfe erfahren sie von Lis‘ Freundin Edith, der sie ein Leben lang verbunden bleibt. Lis wirkt stark, ja auch ein wenig wild, hat aber eine tiefe Sehnsucht, ihrem Alltag zu entfliehen. Ihr Traum, frei wie die jährlich wiederkehrenden Störche zu sein, scheint durch die Ehe mit dem Binnenschiffer Horst in Erfüllung zu gehen. An harte Arbeit gewöhnt, wird sie an seiner Seite zu einer ebenbürtigen Matrosin. Sie findet Freude am Lauf der Flüsse, der von ihr beobachteten Tierwelt und sie schöpft Kraft als passionierte Schwimmerin in ihren Auszeiten im Wasser. Ihre Ehe verläuft in ruhigen Bahnen, bis Horst an der prekären, sich wandelnden Situation der Binnenschifffahrt und der Ungerechtigkeit seines Vaters, der ihm mehrfach Hilfe verweigert, zerbricht. Er sucht Zuflucht im Alkohol und lässt seinen immer größer werdenden Frust gewalttätig an Lis aus. Kurz nach einem Besuch Ediths mit ihrem Ehemann Reinhold scheint sich das Blatt zu wenden.: Auf einmal hat Horst ein Darlehen - angeblich von der Bank - für einen Motor, der seinen Schlepper wieder konkurrenzfähig macht. Doch durch eine weitere Erniedrigung seines Vaters verfällt er wieder der Sucht. Durch einen Zusammenstoß mit einem Ausflugsboot geht er über Bord. Lis schaut seinem Untergang tatenlos zu. Als Kämpfernatur übernimmt sie das Steuer, trotzt Horsts Vater, macht das Schifffahrtspatent und führt fortan das Leben einer Binnenschifferin. Mit dem griechischen Fischer Vassili erlebt sie die große Liebe, bis er in seine Heimat zurückkehrt. Und Edith? Die einst beste Freundin hat ihre Beziehung in einer Nacht verraten und durch ihre Tochter Karin ein neues Band mit Lis geknüpft. Und weil Freundschaft für Lis von großer Bedeutung ist, kümmert sie sich sowohl um Karin als auch später um deren Tochter Noomi.
Am Ende hat Lis hat für alle in ihrem Leben gut gesorgt, sie hat Elend und Liebe erfahren und wird eins mit dem Element Wasser, das sie so viele Jahre begleitet hat.
Ein packender Schicksalsroman, der zu Beginn bereits ein einschneidendes Ereignis in Lis‘ Leben vorwegnimmt und damit geschickt Spannung erzeugt. Darüber hinaus spiegelt er als Gesellschafts- und historischer Roman die Auswirkungen der Kriegsjahre sowie die industrielle Entwicklung und die persönlichen Möglichkeiten, aber auch die Beschränkungen der Folgejahre wider. Leben als steter Kampf, aber auch als Genuss kleiner Dinge, als Suche nach mehr, aber auch Zufriedenheit und Bescheidenheit mit den Umständen, als Miteinander, aber auch Loslassen… Weber hat authentische Charaktere geschaffen, die durch ihre Zeit geprägt sind: der gebrochene Vater, die fürsorgliche Mutter, der aufstrebende und behäbig werdende Otto, der zwar behinderte, aber intelligente Heini, die mondäne, im Grunde unzufriedene Edith, der nach außen starke, aber sehr verletzliche „gute“ Horst, der als Immigrant oft geächtete Vassili, die unstete und suchende Karin und nicht zuletzt die unabhängige, freiheitsliebende, aber bodenständige Lis. Ein Kaleidoskop unterschiedlicher Charaktere mit einer Vielzahl von Themen wie Familie, Freundschaft, Liebe, Homosexualität, Drogenmissbrauch, Vertrauensbruch, Gewalt, Schuld… Und dazwischen zur Erholung immer wieder die Bilder aus der Natur, aus denen Lis Kraft schöpft.
Auch sprachlich ein in Dialogen, Monologen und Beschreibungen überzeugendes Buch.