Ein Leben am Fluss

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Die Flussfrau von Tanja Weber ist ein wunderschöner Roman über das Leben einer Kapitänin in Deutschland im Zeitraum von über sechzig Jahren.
1940er Jahre: Anneliese lebt mit drei Brüdern auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Johannes kehrt nicht von der Front zurück, Otto übernimmt den Hof, da sein Vater es mit seiner Kriegsverletzung nicht mehr schafft. Heini hat ein verkürztes Bein und hinkt. Der Gauleiter will ihn in ein Heim schicken, doch die Familie schafft es, das zu verhindern.
Nach dem Einmarsch der englischen Besatzungssoldaten nennt Anneliese sich Lis. Heini hat sich selbst Englisch beigebracht und wird von den Besatzern als Übersetzer eingestellt.
Wasser war schon immer Lis‘ Element, sie liebt es, im Fluss zu baden und im Anblick der Tier- und Pflanzenwelt zu versinken. Nach dem Krieg will ihr Vater sie verheiraten, doch die meisten geeigneten Kandidaten sind gefallen, traumatisiert oder kriegsversehrt. Als Lis den Schiffer Horst kennenlernt, nimmt sie seinen Heiratsantrag ohne zu zögern an.
Horst entstammt einer traditionsreichen Schifferfamilie. Sein Vater Wilhelm schenkt ihm zur Hochzeit die „Heidi“, das kleinste seiner drei Schiffe. Die „Angelika“ hebt er für seinen Ältesten auf, der seit dem Krieg als vermisst gilt. Da die Arbeit auf dem Frachtschiff nicht von einer Person alleine bewältigt werden kann, muss Lis von Anfang an mitarbeiten.
Bei einer Schiffskollision geht Horst betrunken über Bord und ertrinkt. Anstatt auf den Bauernhof ihrer Eltern zurückzukehren, legt Lis die erforderlichen Prüfungen ab und wird selbst Kapitänin.
Lis‘ Leben auf dem Frachtschiff wird bildhaft und authentisch beschrieben. „Sie erinnerte sich an unzählige Sonnenuntergänge, in Antwerpen, in Bremen oder Ludwigshafen, die die perfekte Kulisse für ziehende Wildgänse, tanzende Starenschwärme oder große Gruppen eleganter Kraniche bildeten.“ (S. 96)
Vor dem Einbau eines Dieselmotors ist die „Heidi“ auf einen Schlepper und Lis auf die Unterstützung eines Matrosen, der auf dem Schiff wohnt, angewiesen. Bei der Rettung eines kleinen Hundes lernt sie den gutmütigen griechischen Fischer Vasili kennen und lieben. Vasili und der von ihm gerettete kleine Streuner „Kiesel“ begleiten Lis viele Jahre lang.
Edith war von klein auf Lis‘ beste und einzige Freundin. Edith heiratet ihre Jugendliebe und zieht nach Essen, die beiden Freundinnen tauschen sich regelmäßig in Briefen aus. Nach der Geburt von Ediths Tochter Karin bricht der Kontakt ab, bis die fast erwachsene Karin eines Tages an Bord der Heidi auftaucht.
Tanja Weber ist wieder ein wunderbarer Roman gelungen, den ich nicht aus der Hand legen konnte, und den ich an wenigen Tagen verschlungen habe. Die Flussfrau zählt zu meinen Jahreshighlights!
Sehr gerne habe ich Lis ihr ganzes Leben lang begleitet und mich an ihrer Liebe zum Fluss und den Tieren, die sie auf ihrem Kahn gesund gepflegt hatte, erfreut. „Sie schwamm. Sie angelte. Sie las. Sie beobachtete die Tiere am Fluss, Vögel in der Luft. Aber manchmal gab es Zeiten, da sprach sie tagelang kein Wort.“ (S. 121) Die Liebe zwischen Lis und Vasili, der immer häufiger von der Sehnsucht nach seiner griechischen Heimat überwältigt wurde, hat mich sehr berührt.
Es ist auch ein Roman über Freundschaft und darüber, was diese aushalten darf.
Der Klappentext fasst den Inhalt wunderbar zusammen: „Ein Roman über Eigensinn und Einsamkeit und über die stille Würde einer Frau, die ihren eigenen Gesetzen folgt.“