Ein Lied auf die Kapitänin

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
gerwine ogbuagu Avatar

Von

Gewaltige Szenarien beschreibt Tanja Weber in ihrem neuen Roman „Die Flussfrau“. Nicht nur eine Ära führt sie uns unnachahmlich vor Augen. Die Vorkriegs- die Kriegs- und die Nachkriegsära erleben wir mit der Familie von Anneliese, genannt Lis. Ihr Aufwachsen im Dorf, die Freundschaften und die sich am Horizont abzeichnenden bedrohlichen Ereignisse, die unausweichlich kommen werden…Wir lernen sie und ihre Geschwister kennen, das Leben der Dorfkinder, ihr Spielen aber auch ihr Mitarbeiten in den Familien. Eine Gemeinschaft von Menschen erfahren wir lesend, wie sie auf dem Land beobachtet werden kann. Die spielenden Kinder aus verschiedenen Familien, die Bauernhöfe, das liebevolle Zusammenleben mit den vielen Tieren – alles zeichnet die Autorin für uns. Die Landschaft – die Felder- die beeindruckenden duftenden Bäume und nicht zuletzt die Störche, die kommen und wieder gehen. Die schleichende braune Gefahr kommt und zerschlägt Freude und Zusammensein von Menschen, die sich nun spalten werden. Wir sehen alles durch die Augen von Lis, ihre Freundschaft mit Edith, ihre unterschiedlichen Geschwister, dann die grässlichen Menschen, die sich zu den Braunen hingezogen fühlen, die entbehrungsreichen Kriegsjahre und die menschlichen Verluste, von denen wir erfahren. In Tanja Webers unnachahmlichen Stil lesen wir über die letzten Kriegsjahre des 2. Weltkriegs in einem deutschen Dorf. So authentisch ist Webers Stil, dass man sich an alles erinnert, was die eigenen Großeltern immer sprachen. Ausdrücke wie „Haut und Knochen“, „Bakelit Apparat“ für Radio, „Parteibuch“, „Marschmusik“ – erinnern an andere Zeiten. Über Anneliese und Edith die Freundinnen, beide aus unterschiedlichen Familien und Annelieses Leben mit den Brüdern, die sie oft ärgerten, liest es sich so flüssig und enthält so viel Unausgesprochenes, dass man immer weiterlesen möchte. So gut kann ich Anneliese verstehen, die immer das Bild mit den totgeschossenen Füchsen umdreht, damit sie die traurige Szene nicht mehr sehen muss.
Nachdem Lis sich aus der scheinbar vorbestimmten Ehe mit einem Bauern herauswinden kann, lernt sie ihren zukünftigen Ehemann, einen Schiffer kennen. Ihr weiteres Leben bestimmt nun das Fahren auf den Kanälen. Das Leben als Kapitänin in der Binnenschiffahrt liest sich unvergleichlich spannend.
Der Roman beeindruckt durch die Erzählstränge die immer auch neue Gegebenheiten in Deutschlands Geschichte zeigen und das Lesen so erlebnis- und kenntnisreich machen. Lis erlebt Schicksalsschläge, die weniger starke Charaktere als ihrer nicht ausgehalten hätten. Als in ihrer Zeit einzige Kapitänin in der Männerwelt der Binnenschiffahrt nach dem Tod ihres Mannes erlebt sie Ablehnung und sogar Diskriminierung von ihren Kollegen auf dem Wasser. Sie muss um jede Ladung kämpfen, die ihre Existenz sichern wird. Worte können schwer beschreiben, welche Wirkung dieses neue Werk Tanja Webers auf mich während des Lesens hatte. Ich muss tief Atem holen, nachdem ich diese beeindruckende Geschichte gelesen habe. Sie umspannt 83 Jahre nicht nur des Lebens aller Protagonisten, deren Schicksale wir verfolgen, sondern auch der Zeit des Landes, in dem wir leben. Gerne möchte ich hier das Wort „Chronik“ benutzen. Denn einer Chronik entspricht in meinen Augen all das, was wir hier zu lesen bekommen. Ich empfinde diese Erzählung als ein großartiges Geschenk in der modernen Literatur, aus der wir wählen dürfen. Es gäbe so viel zu erwähnen, so versuche ich, was aus meiner Sicht anrührend und zutiefst eindringlich an diesem Werk ist, zu anzusprechen.
Wer Tanja Webers „Unter dem Moor“ gelesen hat, möchte unbedingt auch die Flussfrau lesen – nicht nur, um zu erfahren, wie es mit Anneliese und ihrer Familie weitergeht.