In der Strömung

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gabiliest Avatar

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Frei zu sein wie ein Vogel, der sich auf dem ausdrucksvollen Buchcover zeigt, und frei zu sein wie der Fluss – dieses Lebensmotto hat Tanja Weber ihrem Roman “Die Flussfrau” zugrunde gelegt. Die Autorin nimmt die Lesenden mit von den furchtbaren Kriegsjahren bis in die Gegenwart, um sie zu Begleitern eines ungewöhnlichen Frauenlebens zu machen.

Lis ist eine Bauerntochter, die mit drei Brüdern auf einem großen Hof aufwächst. Schon von ihrer Kindheit an kennt sie nichts als harte Arbeit, in den Kriegsjahren dann Hunger, Not und Naziterror. Ein Bruder ist gefallen, der Vater sprachlos und einbeinig aus dem Krieg zurückgekehrt. Doch Lis klebt nicht an der Scholle, sie ist eine Frau des Wassers. Als sie den Binnenschiffer Horst heiratet und mit ihm die deutschen Flüsse befährt, scheint sich ihr Glück zu erfüllen. Liebe ist es nicht, aber Kameradschaft und Vertrauen. Obwohl Deutschland sich nach den Kriegsjahren wirtschaftlich erholt, wird das Frachtgeschäft zunehmend unlukrativ. Horst lässt seine Enttäuschung an Lis aus, und sie erträgt es. Doch ihre Hand zuckt zurück, greift nicht zum Rettungsring, als ein Kopf in der Strömung auf und ab taucht.

Tanja Weber zeichnet ein eindringliches Bild einer Frau, die jede Abhängigkeit hasst und ihr hartes und unstetes Leben liebt, das Freundschaften unmöglich macht. Doch aus ihrer Jugend gibt es Edith, die fast wie eine Schwester für sie war. Dann ist zwischen ihnen etwas vorgefallen, das Lis lange nicht begreift. Erst als sie Ediths Tochter Karin kennenlernt, erkennt sie, dass sie betrogen wurde. Dennoch bleibt Edith ihr Herzensmensch. Und als ein kleines Wesen in der Strömung verzweifelt um sein Leben kämpft, kehrt auch das Glück zu Lis zurück.

“Die Flussfrau” ist ein Roman über eine Frau, die sich in einer Männerwelt gegen alle Vorurteile und Ressentiments durchsetzt. Ihr Leben zieht an den Lesenden vorüber wie die Ufer des Flusses, den die Menschen zu begradigen und in ein Bett zu zwingen versuchen und der doch seine Freiheit bewahrt. Die Autorin schreibt unprätentiös, ruhig, manchmal fast bedächtig, aber immer ausdrucksvoll uns präzise. Große Gefühle liegen ihrer Hauptfigur nicht. Lis steht für ein Wertesystem, das Geradlinigkeit symbolisiert, das es versteht, das Wenige zu schätzen und das Glück in der Unabhängigkeit zu finden. Sie sieht den ziehenden Störchen nach, die doch immer wieder in dasselbe Nest zurückkehren. Dieses Nest hat sie sich auf ihrem kleinen Lastkahn geschaffen und gibt es auch nicht auf, als das Schicksal sie vor die Wahl stellt, auf ihr Boot oder ihre Liebe zu verzichten. Trost findet sie immer wieder im Fluss, in dessen Strömung sie sich geborgen fühlt, der ihrem Leben stets die Richtung vorgegeben hat und ohne den sie nicht sein kann.

Tanja Weber hat die Geschichte einer Lebensreise geschrieben. Sie lässt die Lesenden teilnehmen am Schicksal einer Frau, das in der Zeit des Wirtschaftswunders außergewöhnlich verläuft. Soziale Strukturen verändern sich, aus Wiesen wird Bauland, die Menschen ziehen in die Städte. Nur die alten Nazis sind noch am Werk.

Doch das alles kümmert Liz auf ihrem Schiff kaum. Unbeeindruckt von den menschlichen Schicksalen fließen die Zeit und der Fluss, in den Lis glücklich lächelnd steigt, um sich sicher umarmt von seiner Strömung forttragen zu lassen.

Mein Fazit:
“Die Flussfrau” ist ein tiefgründiger, stimmungsvoller Roman. Tanja Weber zeichnet mit feinen Strichen das Bild eines freien und selbstbestimmten Lebens. Die Hauptfigur Lis dabei begleiten zu dürfen, ist ein faszinierendes und beglückendes Leseerlebnis.