Sehnsuchtsort Fluss

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federfee Avatar

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Lebensgeschichte einer Flussschiff-Kapitänin auf zeitgeschichtlichem Hintergrund, flüssig zu lesen, inhaltlich und sprachlich ein Genuss

Ein Roman wie ein Fluss, von der Autorin geschickt in entsprechende Kapitel eingeteilt: Von der Quelle mäandert und strömt der Fluss zur Mündung ebenso wie das Leben von Elisabeth, Lis genannt, deren Geschichte hier erzählt wird.

Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Norden hat sie schon früh die Faszination des Flusses und des Wassers empfunden und das hat ihr weiteres Leben bestimmt. Nach dem Krieg soll sie einen Bauern heiraten, doch zum Glück lernt sie einen jungen Flussschiffer kennen, mit dem sie eine auf Sympathie beruhende Zweck-Ehe eingeht. So entkommt sie der Enge des Hoflebens und dem, was man damals nach dem Krieg als Bestimmung der Frau sah. Allerdings hatten die Frauen, als die Männer im Krieg waren, die ganze Arbeit gemacht, verbunden mit der Erfahrung, dass ‘es nichts gab, was Frauen nicht bewältigen konnten.’ (46)

Das kommt ihr auch als junge Schifferfrau zugute, die zusammen mit ihrem Mann ein kleines Frachtboot betreibt. Er zeigt ihr alles, was sie zur Führung eines Schiffes wissen und können muss. Sie hielten beide nichts von Romantik, führten eine Ehe auf der Grundlage ‘freundlicher Akzeptanz’ und der Arbeit an Bord. Sie war jetzt ‘der Mensch, der sie sein wollte’ (85), vermisst allerdings die Eltern und vor allem ihre enge Kindheitsfreundin Edith, die inzwischen auch verheiratet ist.

Doch leider ändern sich die Zeiten. Haben wir anfangs viel vom Leben auf dem Bauernhof und der Nazi-Zeit erfahren, findet jetzt mit aller Macht der Aufbau des zerstörten Landes statt, das ‘Wirtschaftswunder’ mit Auswirkungen auch auf die Flussschifffahrt. Alle bauen Motoren ein, die Flüsse werden auf Kosten der Natur begradigt, doch Lis und ihr Mann haben kein Geld für die Modernisierung.

Nicht nur die Zeiten ändern sich, auch die Ehe der beiden. Die schlechte Lage und der Verrat von Horsts Eltern lässt ihn zum Trinker werden und - schlimmer noch - er wird gewalttätig. Doch dann gibt es ein Schiffsunglück, bei dem Horst zu Tode kommt. Und wieder ändert sich Lis’ Leben, denn sie will Schiffsführerin werden und setzt es gegen alle Widerstände durch. Nur ein dunkler Schatten über ihrem Leben - was im Prolog rätselhaft angedeutet wird - trübt es ein wenig, ebenso wie der Verlust des Kontakts ihrer Herzensfreundin Edith.

Doch auch für Lis gibt es noch einmal Jahre des Glücks - was völlig ohne Kitsch erzählt wird - als sie den griechischen Fischer Vassili kennenlernt, der als ‘Gastarbeiter’ hier lebt. Er wird ihr Gefährte, möchte aber nach vielen Jahren wieder in seine Heimat zurück. Wie es mit den beiden ausgeht, soll hier nicht verraten wird, nur so viel: auch das ohne Verwendung von Klischees.

Gefallen haben mir viele Dinge in diesem Buch: dass der entnazifizierte Gauleiter Ziemsen doch noch zur Rechenschaft gezogen wird, dass Edith und Lis wieder zueinander finden, allerdings nicht ohne Konflikte und Probleme, vor allem aber, wie geschickt die Autorin Zeitgeschichte als Hintergrund verwendet, so dass sich ein atmosphärisches Bild vom Krieg bis heute abzeichnet.

Erwähnen muss man noch, dass die Sprache poetische Bilder malt, z.B. die ‘niedrig hängenden Regenwolken, die in der Ferne schon Fäden zogen, mit denen sie sanft über die Stoppelfelder strichen’ (54) und dass auch das dunkelblaue Cover mit Reiher sehr ansprechend gestaltet ist.

Fazit
Ein Herz erwärmendes, leicht melancholisches Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, das private Themen auf dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Problematiken erzählt - gehobene Unterhaltungsliteratur vom Besten. Sehr empfehlenswert.