Die Protagonistin als Nebenfigur

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kwinsu Avatar

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1978, ein Jahr, das Veränderung einläutet: Catharina Cornelius ist bereits nah an der politischen Machtzentrale, als sie durch eine grobe Verfehlung des Außenministers unverhofft dessen Position einnimmt. Als Frau hat sie es nicht nur schwer, nein, sie muss besonders hart kämpfen, um von der tief patriarchalen, internationalen Politikwelt ernst genommen zu werden: sie ist nicht nur eine Frau, sondern auch noch unverheiratet und kinderlos. Während sich die Männerwelt irritiert, ignorant, intrigant und höchst chauvinistisch zeigt, steht sie ihre Frau, auch wenn sie im Privaten durchaus Sorgen hat. Ihre Affäre mit einem anerkannten Journalisten darf nicht an die Öffentlichkeit geraten, eine ihrer besten Freundinnen, eine iranische Dokumentarfilmerin, hofft inbrünstig auf die Revolution und Absetzung des Shahs und will vor Ort dabei sein und auch eine andere Freundin bereitet ihr Sorgen. Jetzt heißt es keine Schwäche zeigen…

Ich war ja von der inhaltlichen Beschreibung sehr angetan - politische Machtspiele und dann ist noch eine (fiktive) Frau im Mittelpunkt in dieser umbruchhaften Zeit - genau nach meinem Geschmack - dachte ich zumindest. Ehrlich gestanden hat es aber ewig gedauert, bis ich in das Buch gefunden habe, eigentlich habe ich das auch nur für einen kurzen Moment. Ich weiß nicht warum, aber über weite Strecken fand ich es schlicht langweilig. Der Schreibstil ist recht nüchtern, was ich grundsätzlich mag, aber irgendetwas fehlte mir. Die Geschichte plätschert so dahin, es passiert viel, aber es fehlt irgendwie jegliche Emotion, ich konnte nie wirklich in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin eintauchen. Ich hatte immer das Gefühl, als wäre die Hauptfigur nur eine Nebendarstellerin. Vielleicht war es von der Autorin beabsichtigt, eben nicht emotionsgeladen zu schreiben, ist die Hauptfigur doch eine Frau und ich mutmaße, dass sie dieser Frauen zugeschriebenen Eigenschaft der Emotionalität nicht stereotyp begegnen wollte, allerdings ist das beinah völlige Nichtbeschreiben von Emotionen halt auch unglaubwürdig.

Im letzten Drittel des Buches wird es kurzzeitig wirklich spannend und ich dachte mir: jetzt kratzt die Geschichte die Kurve. Es war kurz fesselnd, nur um am Ende eine Geschichte nicht aus zu erzählen und uns mitten im Geschehen zurück zu lassen. Das finde ich so schade, weil die Geschichte wirklich gutes Potential hat: eine Frau in den 70ern kommt an die Macht, muss sich gegen konservativste Männer beweisen, während in einem anderen Teil der Welt ihre Freundin Hoffnung auf eine positive Änderung in einem schwenderisch aristokratischen Land hegt, die sich schon kurz nach dem Umsturz in Luft auflöst - und zudem erschreckend aktuell ist. Man kann nicht einmal sagen, das alles oberflächlich bleibt, denn mir fehlte hier jegliche Oberfläche, an der man sich irgendwie festhalten konnte.

Mein Fazit: "Die Stunde der Frau" verspricht eine höchst spannende Geschichte in einer Zeit des großen Umbruchs, sei es frauengesellschaftlich, als auch politisch - in Deutschland und im Iran. Leider kann sie das Versprechen nicht halten, ist sie doch für meinen Geschmack zu unrealistisch emotionslos und auch nicht sonderlich gut geplottet. Wie andere Buchbesprechungen zeigen, konnte sie aber andere Leser*innen durchaus überzeugen.