Frauen an die Macht

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marapaya Avatar

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Man stelle sich vor, es ist 2005 und mit Angela Merkel wird die erste, noch dazu ostsozialisierte Frau Bundeskanzlerin. Wohin würde die Reise Deutschlands wohl mit ihr gehen? Wie stark würde es den Feminismus voranbringen?
Ach so, Frau Merkel war ja tatsächlich Bundeskanzlerin und Dank ihr, u.a., haben wir nun aktuell Friedrich Merz an der Macht und steuern in Sachen Gleichberechtigung eher zurück ins Mittelalter. Mit diesem Blick auf die letzten 20 Jahre fiel es mir gar nicht so leicht, mich auf Heike Spechts Vision in „Die Frau der letzten Stunde“ einzulassen. Wir befinden uns in ihrem Roman im geteilten Deutschland der ausgehenden 1970er Jahre. Das Regierungsviertel der BRD liegt in Bonn, aktuell regiert durch eine Koalition der Sozialdemokraten und Liberalen. Die Ehe des liberalen Außenministers ist gerade medienwirksam gescheitert und der Minister muss sein Amt vor Schaden schützen und den Rückzug erklären. Hier kommt nun eine der drei Hauptfiguren Heike Spechts ins Bild, denn Catharina Cornelius soll das Amt übernehmen und damit die erste Frau auf dem Ministerposten werden. Eine große Überforderung für die konservative, vor allem männlich geprägte Politikerwelt. Catharina wird alles andere als mit Samthandschuhen angefasst und muss sich noch dazu auf dem Außenpolitischen Parkett mit dem Sturz der iranischen Monarchie auseinandersetzen, in die eine ihrer engsten Freundinnen involviert ist.
Thematisch höchst aktuell, denn über 40 Jahre später gehen in Teheran wieder tausende Frauen auf die Straße, um gegen die aktuelle Regierung zu demonstrieren. Auch noch nicht vergessen, die hämischen Angriffe auf unsere letzte Außenministerin der Gegenwart. Gerade diese Parallelen machen es mir allerdings wirklich schwer, mich in der Geschichte zurecht zu finden. Ich weiß nicht, wieviel historische Wahrheit sich in der fiktionalen Handlung versteckt. Mir fehlt das zeithistorische Wissen über die BRD zwischen Nachkriegsära und Wiedervereinigung, ich bin etwas zu jung und noch dazu auf der anderen Seite der Mauer sozialisiert worden. Die weiblichen Figuren des Romans wirken wahnsinnig modern und mondän, während die männlichen Charaktere fast durchgängig unsympathisch großkotzig daherkommen. Auf mich wirkt das irgendwie zu stereotypisch. Ich fühle mich verloren. Ich kann die Geschichte und ihre Figuren einfach nicht einordnen. Wahrscheinlich kann ich der Autorin wegen meiner Ungebildetheit keinen Vorwurf machen. Erzählerisch kann ich ihr gut folgen, fühle mich auch durchaus unterhalten, und empfinde ihre Hauptfiguren als interessant und sympathisch, auch die Dynamik innerhalb der Frauenclique. Doch weil mein Kopf weiß, dass es 1978/79 keine Außenministerin der BRD gab, zweifelt er alles an, was ihm historisch im Buch geliefert wird und hält mich davon ab, mich auf Spechts Gedankenspiel „Was wäre wenn…“ ernsthaft einzulassen.