Die Büchse der Pandora - total verwirrend und streckenweise wenig spannend

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smartie11 Avatar

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„Sie waren in meiner Erinnerung. Aber ich weiß, dass sie auch in seine reisten. Wie ist das möglich? Es war doch alles Teil meiner Erinnerung. So verwirrend!“ (S. 130)

„Wenn sie nicht will, dass ich weiß, was er vielleicht will, dass ich weiß… aber will, dass ich weiß, was er nicht will, dass ich weiß… dann schaue ich es mir am besten einfach an, meinst du nicht?“ (S. 160)

Meine Meinung:
Bereits nach den ersten Seiten dieses Buches war ich regelrecht begeistert: Ein spannender und geheimnisvoller Start, eine faszinierende Grundidee (die Kunst der Gedankenreise aka „Mnemambulie“) und eine sympathische und echt coole Protagonistin. Allerbeste Voraussetzungen also für ein außergewöhnliches und fesselndes Buch!

Doch leider haben mich das Buch und seine Storyline im Folgenden unglaublich schnell verloren. Zu Beginn haben mich die vielen Namen einfach nur verwirrt (und dann hatten die Charaktere auch noch Spitznamen füreinander!). Wer ist wer und gehört zu wem? - Eine Frage, die ich mir sehr oft gestellt habe und die mich ein Personenverzeichnis hat schmerzhaft vermissen lassen. Immer wieder tauchen neue Charaktere auf, während inzwischen vertrauter gewordene wieder in der Versenkung verschwinden. Selbst am Ende des Buches, als auf Seite 367 auf einmal eine „Mrs. Mason“ wieder auftaucht, hatte ich keine Vorstellung (mehr) wer das ist. Ok, der Autor merkt gleich selbst an, dass sie Marys Mentorin ist, was mir aber auch nicht weitergeholfen hat. Herrje!

Dazu kommt, dass Oliver Plaschka seine Geschichte größtenteils retrograd erzählt und Schritt für Schritt zurück in die Vergangenheit geht. Das passt natürlich zur Spurensuche, auf die sich Protagonistin Pat begibt, aber das trägt nicht grade dazu bei, dass die Geschichte einfacher zu verstehen ist. Wer den Film Tenet kennt, weiß vielleicht, was ich meine. Von immer wieder eingeschobenen und zusätzlich verwirrenden Sequenzen um Geschehnisse in einer ägyptischen Grabkammer will ich hier gar nicht erst anfangen.

Aber das Verworrenste an sich ist gekoppelt mit der Grundidee der Geschichte: Pat reist in die Gedanken und Erinnerungen von Mary. Und dort weiter in die (fiktiven) Gedanken und Erinnerungen weiterer Personen. So kommt es zu „Erinnerungen aus erster, zweiter, dritter Hand!“ (S.186). Erschwerend kommt hinzu, dass Erinnerungen täuschen und trügen können, womit der Autor teilweise auch bewusst spielt. Irgendwann war ich in den Erinnerungen komplett lost und wusste nicht mehr, im Kopf welcher Person die Erzählung grade steckte. Um eine weitere Film-Analogie zu verwenden: wie bei Inception, nur ohne die optischen Orientierungshilfen.

Es war einfach alles nur verwirrend für mich. Und dann fehlte es mir auch noch an essenziellen Erklärungen: Was macht Pat eigentlich genau? Wie soll das funktionieren? Und last but not least: Was hat es mit den merkwürdig „körperlosen“ Charakteren Gus und Charlie auf sich? Was ist ein immer wieder genanntes Derelikt? Was ist das von Pat verwendete „MI-Meter“? Der so oft benutzte „Finkelberger“? Ganz zu schweigen von einem „biophysikalischen Mark-II-Materieduplikator“. Das liest sich alles wie bei den Ghostbusters, nur dass dort wenigstens Egon Spengler seine fiktive Technik erklärt. Manchmal gab es zwar Ansätze von Erklärungen, aber auch erst dann, wenn der Begriff schon mehrfach verwendet wurde. Anderes bliebt einfach unerklärt.

Aber dieses Buch hat auch seine guten Seiten! Allen voran die wunderbare Protagonistin Patricia „Pat“ Colombari, die für mich hier der Ankerpunkt in der Geschichte war. Und auch die immer wieder aufblitzenden, leider viel zu seltenen humorvollen Stellen haben mir gut gefallen, etwa wenn Gus als Hamster oder Thunfisch auftaucht ist. Überhaupt hat mir die ganze Atmosphäre, die dieses Buch transportiert und die so stimmig zur Geschichte passt, sehr gut gefallen.

Zum Schluss möchte ich aber dennoch dem Autor meinen Respekt bekunden, denn es muss eine unglaublich schwierige Aufgabe sein, historische Persönlichkeiten und wahre Gegebenheiten zu einer fiktiven Geschichte zu verweben, die dann auch noch einen Erklärungsversuch für Marys Meisterwerk liefern möchte. Ich kann mir gar nicht vorstellen, mit wie viel Recherche das verbunden sein muss. Schade nur, dass mich dies alles so hoffnungslos verwirrt hat.

FAZIT:
Stellenweise wirr wie ein Fiebertraum, dem man kaum folgen kann und der schwerer zu entwirren scheint als ein gordischer Knoten.